Wer eine leere PET-Flasche in den blauen Container wirft, tut das Richtige. 2024 wurden in der Schweiz 84 Prozent der PET-Getränkeflaschen verwertet. Für Kunststoffabfälle insgesamt ist die Bilanz deutlich schlechter: Laut Bundesamt für Umwelt werden 83 Prozent in Kehrichtverbrennungsanlagen und weitere 2 Prozent in Zementwerken energetisch verwertet. Nur 9 Prozent werden stofflich zu Rezyklaten verarbeitet; weitere 6 Prozent werden wiederverwendet.
DePoly aus dem Wallis setzt genau dort an. Das 2020 als EPFL-Spin-off gegründete Unternehmen hat ein Verfahren entwickelt, das PET und Polyester chemisch in ihre Bausteine zurückführt. Vereinfacht gesagt, zerlegt DePoly Flaschen, Verpackungen und Polyestertextilien so weit, bis daraus wieder jene chemischen Grundstoffe werden, aus denen neuer Kunststoff hergestellt werden kann. Das Gründertrio Samantha Anderson, Bardiya Valizadeh und Christopher Ireland entwickelte den Ansatz an der EPFL. DePoly spricht dabei von Rohstoffen in Neuware-Qualität.
Wo das Recycling an Grenzen stösst
Laut DePoly braucht der Prozess für PET- und polyesterhaltige Abfälle weder Vorwäsche noch Vorsortierung und arbeitet bei vergleichsweise milden Bedingungen. Dort, wo mechanisches Recycling wegen Verschmutzung, Farbe oder Materialmischungen an Grenzen gerät, könnte ein chemischer Ansatz Vorteile haben. Unabhängige Studien sehen solche Verfahren vor allem als Ergänzung: mechanisches Recycling dort, wo es gut funktioniert, chemisches für schwierigere Ströme.
In Monthey baut DePoly eine Showcase-Anlage mit 500 Tonnen Jahreskapazität. Einen öffentlich bestätigten Produktionsstart gab es bis Ende Mai 2026 noch nicht; DePoly sprach zuletzt von Inbetriebnahme/Commissioning und einem möglichen Start im Sommer 2026.
Für 2027 plant das Unternehmen die erste grössere kommerzielle Anlage. Nach Angaben der Innovationsagentur EIT Climate-KIC wurden dafür bereits formale kommerzielle Vereinbarungen im Wert von 50 Millionen Franken gesichert. Insgesamt hat DePoly nach Firmenangaben mehr als 30 Millionen Dollar aus Finanzierungsrunden und Fördermitteln eingesammelt. Zu den Investoren zählen unter anderem BASF Venture Capital, Mass Mutual Ventures, Beiersdorf Venture Capital, Syensqo, Founderful, Wingman Ventures und die Zürcher Kantonalbank.
Weitere Ansätze aus dem Tessin und aus Lausanne
DePoly ist nicht allein. GR3N in Lugano entwickelt ebenfalls eine Methode zur chemischen PET-Zersetzung, setzt dabei auf Mikrowellentechnologie und plant die erste industrielle Anlage mit Zielhorizont 2027 in Spanien. Im Raum Lausanne arbeitet das EPFL-Spin-off Plastogaz an einem Verfahren für schwer sortierbare gemischte Kunststoffabfälle; der US-Chemiekonzern Dow ist als Investor eingestiegen. Alle drei Unternehmen gehen verschiedene Wege und teilen dasselbe Ausgangsproblem: Kunststoffabfälle, die heute verbrannt werden, sollen wieder als Rohstoff dienen.
Das Interesse der Industrie ist bereits sichtbar. DePoly hat mit Partnern PET-Flaschenprototypen und Polyestertextilien aus recycelten Bausteinen demonstriert. Das Weltwirtschaftsforum ernannte das Unternehmen 2024 zu einem seiner Technology Pioneers; im gleichen Jahr gewann DePoly den Top-100-Swiss-Startup-Award.
Ob die Technologie im industriellen Massstab hält, was sie im Labor und in Pilotprojekten verspricht, bleibt vorerst offen. Eine unabhängig veröffentlichte Energiebilanz der Anlage in Monthey liegt noch nicht vor. Und die Reihenfolge der Kreislaufwirtschaft gilt auch hier: Vermeiden kommt vor Recyceln. Für jene Kunststoffabfälle aber, die heute meist im Ofen enden, könnte sich das Feld gerade verschieben.