Eine nachhaltige Ernährung trägt dazu bei, Ressourcen zu schonen, Treibhausgasemissionen zu reduzieren und die Biodiversität zu erhalten. Doch was bedeutet es konkret, sich nachhaltig zu ernähren? Welche Faustregeln helfen dabei, im Alltag umwelt- und klimafreundliche Kaufentscheidungen zu treffen? Und welche aktuellen Ernährungstrends sind aus wissenschaftlicher Sicht kritisch zu beurteilen? Darüber sprechen Claudia Müller und Claudio Beretta im Interview. Sie ist Dozentin im Bereich nachhaltige Lebensmittelwertschöpfungsketten an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), er Dozent für nachhaltige Ernährung und Food-Waste-Vermeidung an der ZHAW sowie Präsident des Vereins Foodwaste.ch, im Interview.
Was ist aus wissenschaftlicher Sicht der grösste Irrtum, wenn es um nachhaltige Ernährung geht?
Claudia Müller: Viele Menschen glauben, dass man für eine nachhaltige Ernährung vollständig auf Fleisch und andere tierische Produkte verzichten müsse. Dabei würde bereits eine Reduktion viel bewirken. Derzeit essen wir in der Schweiz etwa dreimal so viel Fleisch wie empfohlen. Dies belastet nicht nur Umwelt und Klima, sondern kann auch negative Auswirkungen auf unsere Gesundheit haben.
Claudio Beretta: Ich habe schon öfter den Einwand gehört, dass Lebensmittel, die im Kompost landen, ja in den Kreislauf zurückgeführt würden und deshalb kein Problem seien. Es stimmt zwar, dass die Nährstoffe so zurück in den Kreislauf gelangen, was bei der Verbrennung im Kehricht nicht der Fall ist. Viel entscheidender ist aber, dass die gesamte Produktion, Verarbeitung, Verpackung und der Transport der Lebensmittel umsonst waren. Das verursacht ein Vielfaches der Umweltbelastung, die durch den Vorteil der Kompostierung eingespart wird.
Welche Empfehlungen für eine nachhaltigere Ernährung sind wissenschaftlich eindeutig belegt, werden in der Praxis aber noch zu wenig umgesetzt?
Claudio Beretta: Eine der wichtigsten Empfehlungen lautet, weniger tierische Lebensmittel zu konsumieren. Für den Anbau von Kartoffeln wird beispielsweise rund 50-mal weniger Fläche benötigt als für die Produktion derselben Menge Rindfleisch. Ernähren sich die Rinder von Wiesen und Weiden, ist das nicht unbedingt problematisch, aber ein grosser Teil des Futters wird heute auf ackerbaufähigen Flächen angebaut, auf denen man direkt pflanzliche Lebensmittel anbauen könnte. Auch die permanente Verfügbarkeit einer breiten Auswahl an Frischprodukten ist kaum mit Nachhaltigkeit vereinbar. Erstens, weil dies oft zu Food-Waste führt – zum Beispiel, wenn kurz vor Ladenschluss noch Brot aufgebacken wird und überschüssiges Brot am Abend entsorgt wird. Zweitens, weil gewisse Produkte ausserhalb der Saison importiert oder eben in geheizten Gewächshäusern angebaut werden müssen. Beides belastet die Umwelt viel stärker als Saisonprodukte aus der Schweiz. Den Wandel hin zu einer Ernährung, die nicht mehr Ressourcen braucht, als in der gleichen Zeit nachwachsen, haben wir alle gemeinsam in der Hand. Detailhändler könnten sich beispielsweise einigen, Brot vom Vortag zu reduziertem Preis zu verkaufen, und wir Konsumentinnen und Konsumenten haben es in der Hand, solche Angebote zu nutzen.
Claudia Müller: Wir wissen also grundsätzlich, was zu tun wäre – sowohl der Detailhandel als auch Konsumentinnen und Konsumenten. Trotzdem wird dieses Wissen im Alltag noch zu wenig umgesetzt. In der Forschung spricht man von einer sogenannten «Knowledge-Action Gap». Zeitdruck, Gewohnheiten und das verfügbare Angebot beeinflussen unsere Entscheidungen oft stärker als unser Wissen. Deshalb sollte die Ernährungsumgebung so gestaltet sein, dass nachhaltige Produkte leicht verfügbar und zugänglich sind und die nachhaltige Wahl damit auch zur einfachen Wahl wird.
