Sun-Ways war seit dem erfolgreichen Pilotprojekt in den letzten Wochen stark in den Medien präsent. Wie würden Sie die Idee des Start-ups in eigenen Worten beschreiben?
Wir verwandeln bestehende Eisenbahninfrastruktur in Kraftwerke. Der bisher ungenutzte Raum zwischen den Schienen wird zur Stromproduktion genutzt – und dies, ohne zusätzliches Bauland zu beanspruchen. Würde das ganze geeignete Schweizer Schienennetz mit Solarmodulen ausgestattet, könnten jährlich bis zu eine Milliarde Kilowattstunden Solarstrom produziert werden. Das entspricht dem Strombedarf von rund 300’000 Haushalten.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Solarpanels auf Eisenbahngleisen zu installieren?
Vor rund sechs Jahren wartete ich am Bahnhof Renens VD auf meinen Zug. Ich schaute auf die Schienen und fragte mich: Warum nutzen wir diese Fläche eigentlich nicht? Die Idee ist erstaunlich simpel. Als ich später recherchierte, stellte ich fest, dass bereits mehrere Patente existierten. Doch niemand hatte die Idee erfolgreich unter realen Betriebsbedingungen umgesetzt.
Was macht die Eisenbahninfrastruktur besonders geeignet für die Nutzung von Solarenergie?
Die Bahn ist eine standardisierte Infrastruktur. Photovoltaikanlagen auf Dächern, an Fassaden oder in den Bergen müssen einzeln geplant werden. Das Schienennetz hingegen ist ein zusammenhängendes System und die Verlegung von Solarmodulen somit ein einziges Projekt. Dank der standardisierten Bahninfrastruktur lassen sich die Solarmodule fast wie ein Teppich verlegen.
Wie haben die Menschen reagiert, als Sie die Idee zum ersten Mal präsentiert haben?
Viele waren skeptisch und hatten Sicherheitsbedenken. Manche sagten sogar, ich sei verrückt. Aber Innovation beginnt oft genau dort, wo etwas zunächst unmöglich erscheint. Dank meines grossen Netzwerks fand ich Menschen, die bereit waren, die Idee ernst zu nehmen und gemeinsam weiterzuentwickeln. Heute sind bereits über 11’000 Züge sicher über unsere Solaranlage gefahren.
Welche weiteren Meilensteine haben Sie bisher erreicht?
Der erste grosse Meilenstein war der technische Machbarkeitsnachweis. Danach folgte das Pilotprojekt im Kanton Neuenburg: Auf einem 100 Meter langen Streckenabschnitt wurden 48 Solarmodule mit einer Leistung von 18 Kilowatt installiert. Seit der Inbetriebnahme wurden bereits mehr als 16’000 Kilowattstunden Strom ins Netz eingespeist.
Doch mein persönlicher Höhepunkt war, als ich bei der internationalen Erfindermesse 2023 in Genf eine Medaille gewann. Schon als Kind wollte ich Erfinder werden, und während Jahrzehnten habe ich alle meine Ideen in kleinen Notizbüchlein festgehalten, stets mit der Hoffnung auf einen Durchbruch. Mit der Goldmedaille ging für mich also ein Kindheitstraum in Erfüllung.
Und was war die grösste Herausforderung dabei, Sun-Ways von einem Konzept in die Realität umzusetzen?
Die Technik war nicht das Problem, sondern die Zulassung. Im Eisenbahnsektor gelten höchste Sicherheitsanforderungen. Es dauerte Jahre, bis wir die Bewilligung erhielten, Solarmodule auf einer Strecke zu testen, auf der täglich Personenzüge verkehren. Gleichzeitig mussten wir eine Lösung entwickeln, die sich für Unterhaltsarbeiten schnell wieder entfernen lässt. Heute können einzelne Modulsegmente innerhalb weniger Minuten demontiert und nach Abschluss der Arbeiten wieder eingebaut werden.
