75 Meter hoch ist das H1 auf dem Zwhatt-Areal in Regensdorf. Im Turm befinden sich 156 Wohnungen, ein doppelgeschossiger Gemeinschaftsraum und ein Waschsalon. Photovoltaikelemente ziehen sich über die Fassade; weitere Module liegen auf dem Dach. Das Bemerkenswerte befindet sich jedoch hinter der Hülle.
Der Erschliessungskern, die drei Sockelgeschosse und die Geschossdecken bestehen aus Beton. Für Stützen und Träger wurde Holz eingesetzt, darunter Buchenholz aus Schweizer Wäldern. Das H1 ist somit kein Holzhaus im klassischen Sinn, sondern ein Hybridbau.
«Es geht nicht darum, Beton zu verteufeln, es geht darum, ihn spezifischer einzusetzen», sagte der Zürcher Architekt Roger Boltshauser in einem Interview für das Magazin des Zwhatt-Areals. Hybride Strukturen, die die Eigenschaften verschiedener Materialien kombinierten, seien aus seiner Sicht ein vielversprechender Ansatz.
Ein Speicher, aber kein Freipass
Während ihres Wachstums entziehen Bäume der Atmosphäre CO2. Wird das Holz später in langlebigen Produkten eingesetzt, kann ein Teil des Kohlenstoffs über längere Zeit gespeichert bleiben. Nach Angaben der Projektverantwortlichen spart der Hybridbau der Wohngeschosse des H1 gegenüber einer reinen Betonstruktur rund 600 Tonnen CO2 ein. Das entspricht etwa einem Viertel. Im verbauten Holz seien weitere 1500 Tonnen CO2 eingelagert.
Das Bundesamt für Umwelt unterscheidet drei Klimaleistungen von Wald und Holz: die Speicherung im Wald, die Speicherung in langlebigen Holzprodukten und den Ersatz emissionsintensiver Materialien. Zugleich hält das Amt fest, dass für die gesamte Klimaleistung die Entwicklung des Waldes selbst entscheidend bleibt. Vitalität, Biodiversität und eine angepasste Bewirtschaftung sind die Voraussetzung dafür.
Holzbau ist keine Nische mehr
Dass ein Hochhaus wie das H1 heute möglich ist, hat auch mit den Brandschutzvorschriften zu tun. Seit ihrer Revision im Jahr 2015 können Holzbauten in allen Gebäudekategorien und Nutzungen errichtet werden. Bei Hochhäusern gelten besondere Rahmenbedingungen.
Ein Vorteil liegt in der Vorfertigung. Beim H1 wuchs der Rohbau um ein Geschoss pro Woche. Für die Träger wurden verleimte Buchenstäbe statt Furniere verwendet. Nach Angaben auf der Projektseite benötigt das Verfahren rund 80 Prozent weniger Leim. Es handelt sich um eine Schweizer Entwicklung.
Nicht jeder Höhenrekord wird allerdings realisiert. In der Winterthurer Lokstadt war mit «Rocket» ein 100 Meter hohes Holz-Hybrid-Wohnhaus geplant. Wie der «Tages-Anzeiger» im vergangenen Oktober berichtete, verzichtete die neue Eigentümerin aus Risikoüberlegungen und wirtschaftlichen Gründen auf die Holz-Hybrid-Bauweise. Der Turm soll nun mit Stahl und Beton entstehen.
Ein Flughafendock aus Holz
Wie weit Holz inzwischen trägt, zeigt ein Projekt an einem unerwarteten Ort. Am Flughafen Zürich soll ab 2030 das neue Dock A entstehen. Das Projekt «Raumfachwerk» wird unter der Federführung des dänischen Architekturbüros BIG geplant. Beteiligt ist auch das Zürcher Büro 10:8 Architekten.
Auf den Passagierebenen soll der Neubau grösstenteils aus nachhaltigem Holz gebaut werden. Das Dach des Docks und der Dockwurzel ist als Photovoltaikfläche vorgesehen und soll rund zwei Drittel des jährlichen Strombedarfs des Docks decken. Die Grössenordnung ist beträchtlich: Das heutige Dock A wird von rund einem Drittel der abfliegenden und ankommenden Passagiere genutzt.
Die Zukunft des Bauens wird nicht aus einem einzigen Material bestehen. Doch Holz übernimmt Aufgaben weit jenseits des klassischen Einfamilienhauses: vom Wohnturm bis zum Flughafendock.