Tom Strobl, erklären Sie doch zunächst für die Laien: Was ist der Unterschied zwischen Honigbienen und Wildbienen – und warum haben Sie sich den Wildbienen verschrieben?
Tom Strobl: Der grösste Unterschied liegt darin, dass die meisten Wildbienen solitär leben. Sie sind Einzelgängerinnen, alle Weibchen können Eier legen, sie produzieren keinen Honig, sind harmlos und stechen nicht. Zudem gibt es nicht die eine Wildbiene, sondern über 600 Arten von Wildbienen. Die Honigbiene dagegen ist eine domestizierte Wildbiene, daneben existieren auch wild lebende Honigbienen.
Man liest seit Jahren, dass es schlecht um die Bienen stehe. Wie schlecht denn konkret?
Es hat sich leider nicht verbessert, die Bedrohung ist noch immer hoch. Von 615 Arten ist fast die Hälfte vom Aussterben bedroht. In den letzten 20 bis 30 Jahren konnte man nachweisen, dass 49 Arten bereits ausgestorben sind. Das ist ein drastisches Zeichen, das verdeutlicht, dass verschiedene Lebensräume bedroht sind.
Wildbiene + Partner leistet auch viel Aufklärungsarbeit. Welche für Sie wichtige Tatsache ist den meisten Menschen noch nicht bewusst?
Biodiversität ist etwas sehr Komplexes. Da stellt sich gerne die Frage: Braucht es denn die 600 Arten? Für viele ist es extrem schwer nachzuvollziehen, dass diese Vielfalt für eine funktionierende Natur notwendig ist.
Das Unternehmen ist bekannt für die BeeHomes – also Bienenhäuschen für Privatpersonen, in denen sich Wildbienen einnisten können. Aber auch die Digitalisierung spielt eine wichtige Rolle.
Wildbiene + Partner hatte schon immer einen digitalen Aspekt: Die Leute können auswerten und schauen, wie es den Bienen bei ihnen zu Hause geht. Mit der Crowdinvesting-Kampagne, bei der wir über 750’000 Franken an Investitionen sammeln konnten, legen wir nun einen noch grösseren Fokus auf die Messbarkeit. Die 100’000 Häuschen, die wir bereits verkauft haben, bergen ein extrem grosses Potenzial, die Entwicklung der Biodiversität messbarer zu machen. Wir entwickeln also gerade eine App, die uns besser verstehen lässt, wie es den Bienen geht und welche Aktionen darauf folgen können.
Wie wird die App konkret funktionieren?
Auf der App kannst du dein BeeHome registrieren und dann die Entwicklung deiner persönlichen Bienenpopulationen verfolgen. Anhand von Bildern der Niströhrchen können wir die Nester mit unserer KI verschiedenen Bienenarten oder Gruppen zuweisen und dir so ganz persönliche Tipps zur Förderung deiner Wildbienen geben. Oder wenn wir beispielsweise seltene Bienen registrieren, können wir den Leuten in der Umgebung sagen, dass sie im Folgejahr eine bestimmte Pflanze anbauen können, um die Bienenart zu unterstützen.
Das sind ja sehr viele Daten, die Sie da sammeln werden.
Genau. Wir wissen zum Beispiel, dass im letzten Jahr 2,5 Millionen Bienen aus unseren BeeHomes unterwegs waren, die etwa 3,25 Milliarden Blüten bestäubt haben. Die App wollen wir deshalb nicht nur im Kleinen, sondern auch im Grossen stärker einsetzen – für die Wissenschaft und den Naturschutz.
Was können Menschen für die Bienen tun, die zum Beispiel in einer Wohnung leben und kein BeeHome installieren können?
Grundsätzlich braucht es nicht einmal einen Balkon, man kann das Häuschen auch auf dem Fensterbrett aufstellen, mit einheimischen Pflanzen. Man kann also fast in jedem Umfeld etwas machen – und das ist auch unsere Botschaft. Es gibt Orte, wo es wenig Platz für Grünes hat, da macht also dann jeder Balkon etwas aus, auch wenn der Beitrag klein ist.
Naturschutz ist man sich normalerweise von NGOs gewöhnt. Weshalb setzen Sie auf Unternehmertum?
Wir sehen uns nicht als klassisches Naturschutzunternehmen, sondern wollen bewusst auch Menschen erreichen, die sich eben nicht in diesem Umfeld bewegen. Als innovatives ETH-Startup zu starten, war darum für uns der beste Weg, um schnell viel Impact zu generieren. Nun wollen wir weiterwachsen, am besten nach ganz Europa. Und wir wollen unser Angebot auf Firmen ausweiten, denn auch die können viel für die Biodiversität leisten.
