Bereits im Studium dachte sich Sarah Heiligtag: So kann es doch nicht weitergehen. Damals ahnte sie jedoch nicht, dass dieser Gedanke einmal ihr Antrieb werden sollte, um zur Pionierin zu werden.
Seit 2013 führt die Philosophin und Landwirtin gemeinsam mit ihrem Ehemann, einem Umweltnaturwissenschaftler, einen der ersten Lebenshöfe der Schweiz: den Hof Narr. Dort leben Pferde, Hühner, Schweine und viele weitere Tiere, die entweder vor dem Schlachthof gerettet wurden oder der konventionellen Haltung entkamen.
«Die konventionelle Landwirtschaft von heute ist weder gut für Mensch noch Tier – geschweige denn für den Planeten», sagt die heute 46-Jährige. «Sie ist geradezu zerstörerisch.» Gemäss diversen Studien bedroht nichts die Biodiversität stärker als die globale Landwirtschaft. Zudem verursacht sie rund einen Viertel der weltweiten Treibhausgasemissionen.
Beraterin für Bauern
Ganz neu war die Idee des Lebenshofes derweil nicht. Bereits 1986 gründeten Gene und Lorri Bauston in New York die Farm Sanctuary. In den 1990er- und 2000er-Jahren fand das Konzept auch im deutschsprachigen Raum Verbreitung – und kam 2013 schliesslich nach Egg im Kanton Zürich.
«Wir wollten nur ausprobieren, wie nachhaltige Landwirtschaft ohne Tiere funktionieren kann», erklärt Heiligtag. Nach und nach interessierten sich aber auch andere Bauern für den Hof Narr und wollten wissen: Wäre das auch für mich eine Option? Heiligtag und ihr Mann wurden zu ihren Beratern.
«Jeder und jede sollte Verantwortung übernehmen»
Bevor sie sich zur Landwirtin weiterbildete, unterrichtete Heiligtag an der Universität Bern und Zürich sowie an diversen Schulen Ethik. Auf dem Lebenshof verbindet sie die Theorie der Philosophie mit der Praxis der Landwirtschaft. «Jeder und jede sollte im Bereich, in dem er oder sie kann, Verantwortung übernehmen», sagt sie. Inspiriert hat sie dabei auch Martha Nussbaum.
Die US-Philosophin betont, dass Gerechtigkeit nicht nur formale Gleichheit bedeutet, sondern die reale Möglichkeit, ein würdiges Leben zu führen – für Menschen wie für Tiere. «Wir alle haben das Potenzial zu leiden», sagt Heiligtag. Auch wenn für sie ursprünglich das Tierwohl im Vordergrund stand, wurde ihr bald klar, dass es beim Lebenshof um viel grössere Zusammenhänge geht.
Umstieg als Outing
Rund 200 Höfe haben inzwischen mit Heiligtags Unterstützung den Schritt von tierischer zu tierloser Landwirtschaft gewagt. «Und wir nähern uns mit grossen Schritten den 300», sagt sie. Diesen Prozess nennt Heiligtag «Transfarmation». Milchbauern wurden zu Haferdrink-Produzenten. Fleischbauern bauen pflanzliche Proteine an. 18 Betriebe befinden sich aktuell in einer Transfarmation. Weitere haben Interesse signalisiert.
Dennoch will ein Grossteil der Bauern, die den Schritt bereits gegangen sind, nicht öffentlich auftreten. «Ein Bauer sagte einmal: Es ist wie ein Outing», erzählt Heiligtag. Bei vielen tauchen Zweifel auf: Was denkt der Vater? Was der Stammtisch? Kann das finanziell überhaupt funktionieren?
«Man muss sich wirklich sicher sein, dass man diese Umstellung will», so Heiligtag. «Es ist wahrscheinlich schwieriger, sich im eigenen Umfeld zu exponieren, als den Beruf komplett zu wechseln.»
Glückliche Bauern
Diese Zweifel sind nicht ganz unbegründet. In manchen Familienbetrieben verstehen die Eltern die Umstellung ihrer Kinder als Kritik an der eigenen Arbeit. Zudem muss die Finanzierung manchmal sehr gut durchdacht sein – auch weil noch immer rund 80 Prozent der Direktzahlungen des Bundes in die tierische Landwirtschaft fliessen.
Für Heiligtag ist aber klar: Wer mit genügend Herzblut dabei ist, kann genauso viel oder sogar mehr Umsatz machen. «Und die Bauern sind nach einer Umstellung auch einfach glücklich», fügt sie an. Erst kürzlich hat sie für ein Buch zahlreiche der umgestellten Betriebe interviewt.
Besuch auf dem Bauernhof
So bietet der Hof Narr weiterhin Bauern Unterstützung beim Umstieg an, aber auch Bildungsarbeit. Heiligtags Ethikunterricht findet nicht mehr an der Universität statt, sondern auf ihrem Hof. Schulklassen besuchen den Betrieb, um mehr über die Hintergründe und Nebeneffekte unseres Konsums zu erfahren – und um zu lernen, wie es anders gehen könnte.
Auch online vermittelt Heiligtag ihr Wissen und regt zum Nachdenken an: Auf Instagram folgen ihr über 45'000 Menschen.
