Auf manche Fragen kennen nur die wenigsten eine Antwort: Was genau passiert, wenn man einen Begriff bei Google eingibt? Wenn man ChatGPT eine E-Mail schreiben lässt? Oder wenn man eine Serie auf Netflix streamt? Die einfache Antwort auf diese Fragen: Es werden Daten übertragen. Viele Daten.
«Wenn man eine Flatrate hat, merkt man gar nicht, wie viele Daten man heute verbraucht», sagt Martin Casaulta, Chief Technologist von Hewlett Packard Enterprise Schweiz (HPE) und Board Member der Swiss Datacenter Efficiency Association (SDEA) zu 20 Minuten. Diese Daten sind nicht nur virtuelle Mega- und Gigabytes, sondern haben reale Auswirkungen: Die Rechenzentren, in denen die Daten verarbeitet werden, verbrauchen Ressourcen wie Strom und Wasser.
Schweiz: Top-Standort für Datenzentren
Die Schweiz gehört weltweit zu den Top-Standorten für solche Rechenzentren, nur in Irland gibt es mehr davon pro Kopf. Die vor allem im Raum Zürich angesiedelten Zentren verbrauchen rund vier Prozent des Schweizer Stroms. Mit der zunehmenden Digitalisierung und dem Siegeszug der künstlichen Intelligenz dürfte dieser Verbrauch weiter steigen.
Martin Casaulta: «Wenn ich eine Google-Suche durch eine Frage an ChatGPT ersetze, verbrauche ich mehr als zehnmal mehr Energie, um das gleiche Ergebnis zu erzielen.» Dieser steigende Energieverbrauch hat in den USA bereits dazu geführt, dass Google, Microsoft und die Amazon-Tochter AWS angekündigt haben, in Klein-Atomkraftwerke zu investieren, um ihre KI-Angebote in ihren Rechenzentren mit Strom zu versorgen.
Berechnungen der Washington Post zeigen zudem, dass eine mit ChatGPT geschriebene E-Mail mit 100 Wörtern rund einen halben Liter Wasser verbraucht. Bei einer wöchentlichen E-Mail ergibt dies einen Verbrauch von 26 Litern pro Jahr – unter der Annahme, dass jede dritte Person in der Schweiz wöchentlich eine E-Mail schreibt, entspricht dies einem jährlichen Verbrauch von rund 78 Millionen Litern Wasser.
Label für nachhaltige Rechenzentren
Diesen immensen Energieverbrauch hat Casaulta zum Anlass genommen, eine neue Initiative ins Leben zu rufen, die Rechenzentren effizienter und damit nachhaltiger machen soll: die Swiss Datacenter Efficiency Association. Zusammen mit Professoren der Universität Luzern und der EPFL, Vertretern der Swiss Data Center Association und dem Schweizerischen Verband der Telekommunikation Asut hat er es sich zur Aufgabe gemacht, das Bewusstsein für nachhaltigere Rechenzentren in der Schweiz zu stärken. 2020 hat die SDEA dazu ein Label lanciert.
Dieses Label orientiert sich nicht am gesamten Energieverbrauch eines Rechenzentrums, sondern an dessen Effizienz. «Mit der Digitalisierung werden wir unbestritten mehr Rechenleistung brauchen», erklärt Martin Casaulta. «Wichtiger ist also weniger der absolute Energieverbrauch, sondern der effiziente Energieverbrauch. Sei dies im Betrieb der Rechenzentren wie auch in den darin bereitgestellten IT-Infrastrukturen mit Rechnern, Speicherlösungen und Netzwerkkomponenten.» Casaulta zieht einen Vergleich zum Haushalt: Wenn man eine Waschmaschine der Energieklasse A kauft, ist das ökologisch sinnvoll – wenn man aber jeweils nur ein Paar Socken damit wäscht, nützt auch die beste Energieklasse wenig.
Swisscom und SIX Group mit an Bord
Die SDEA hat den bereits weit verbreiteten PUE-Faktor, der den Energieverbrauch von Rechenzentren misst, erweitert: Sie bezieht auch die Abwärmenutzung und die CO₂-Freundlichkeit der Energiequelle mit ein. Auf Basis dieses neuen Faktors vergibt die SDEA die Labels Bronze, Silber und Gold. Wird ein Rechenzentrum mit CO₂-armen Energiequellen betrieben, gibt es zusätzlich ein Plus. «Die Schweiz hat einen hohen Anteil an erneuerbaren Energien, da gibt es fast immer ein Plus», sagt Casaulta.
Nach einiger Überzeugungsarbeit konnte die SDEA die ersten Labels vergeben: Die Swisscom und die SIX Group haben je ein Rechenzentrum zertifiziert, das Rechenzentrumsunternehmen Digital Realty hat seinen gesamten Schweizer Standort mit drei grossen Zentren zertifiziert, davon zwei auch erstmalig im Gold-Status. Zudem hat die SIX Group ein erstes IT-spezifisches SDEA-Zertifikat erhalten. Casaulta rechnet damit, dass sich die Zahl der Zertifizierungen im Laufe des nächsten Jahres verdoppeln wird. Erhöhter Fokus liegt nun auf der Zertifizierung der IT-Infrastruktur, für die die SDEA ein weltweit erstes Bewertungsschema entwickelt hat und die in puncto Energieeffizienz massives Potenzial aufweist.
Gemischte Bilanz trotz erster Erfolge
Trotz dieser Erfolge zieht er ein ernüchterndes Fazit: «Leider arbeiten die meisten IT-Systeme mit einer Auslastung im unteren zweistelligen Bereich. Das ist definitiv zu niedrig.» Viele Betreiber würden bei einer Messung durch die SDEA im Bronze-Bereich des Labels landen, wenn überhaupt. «Leider scheinen viele den Umstand nicht ernst zu nehmen, dass die Nachhaltigkeit in der IT gelinde gesagt nicht optimal ist», so Casaulta.
Für Casaulta ist klar, dass sich das bald ändern wird. Auf EU-Ebene wird die Forderung immer lauter, dass Unternehmen die Energieeffizienz ihrer Rechenzentren massiv steigern müssen. In Deutschland werden diese Bestrebungen bereits umgesetzt.
«Entweder werden wir selbst aktiv oder der Staat zwingt uns dazu», so Casaulta. Sein Fazit: «Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis wir als Menschheit das Bewusstsein haben, effizient mit unseren Ressourcen umzugehen.» Es liegt an jedem Einzelnen von uns, diesen Prozess voranzutreiben.
