Das beschauliche Appenzell mit seinen 6000 Einwohnern ist Schauplatz einer Weltpremiere: Die Brauerei Locher nimmt die nach eigenen Angaben weltweit erste Anlage in Betrieb, die Treber in grossem Stil zu Proteinpulver verarbeitet. «Mit dieser Anlage werden wir zum Vorbild für die ganze Branche», sagt Aurèle Meyer, CEO der Brauerei, die unter anderem die Quöllfrisch-Biere herstellt.
Upcycling ist für die Brauerei nichts Neues. «Die Verwertung von Nebenströmen gibt es bei uns schon seit fast 30 Jahren», sagt Meyer. So hat Inhaber Karl Locher beispielsweise eine eigene Fischzucht im Garten angelegt. Professionalisiert hat sich das Upcycling aber erst vor wenigen Jahren: 2021 brachte die Brauerei unter der Marke Brewbee Chips auf den Markt, die aus Treber hergestellt werden.
Täglich 35 bis 50 Tonnen Treber
«Für uns steht beim Upcycling der Genuss im Mittelpunkt», sagt Meyer. «Brewbee ist der Beweis dafür, dass Upcycling Spass machen kann.» Zu den Chips, die heute unter dem Namen «Tschipps» in den Coop-Filialen erhältlich sind, gesellten sich bald Geschnetzeltes und Gehacktes, Lasagne und Pizza. Alles hergestellt aus Biertreber. Dazu kommt Essig, der aus flüssigen Prozessverlusten hergestellt wird. Und eine Fischzucht, die mit Bierhefe gefüttert wird. «Fisch hat den Vorteil einer hohen Umwandlungsrate», sagt Meyer. 1,1 kg Futter ergäben ein Kilo Fisch. Beim Schwein sind es etwa 2,5 bis 3,5 kg Futter pro kg Fleisch.
Bierbrauen ist ressourcenintensiv. Es braucht viel Gerste, deren Anbau wiederum viel Platz braucht. Das lässt sich nicht ändern – «nur effizienter machen», sagt Meyer. Obwohl auf dem Dach der Brauerei Solarzellen installiert sind und sie mit einer Biogasanlage arbeiten, sehen sie ihre Verantwortung vor allem bei den 35 bis 50 Tonnen Treber, die täglich anfallen. «Das sind gewaltige Mengen», betont der Geschäftsführer.
«Ganze Schweiz müsste unsere Chips essen»
Lange Zeit wurde der Treber als Viehfutter verwendet. Doch im Sommer frisst das Vieh im Tal und auf den Alpen Gras. Der Bedarf an Futtermitteln ist gering. Als dann auch noch die Gesetze verschärft wurden, kam man in Appenzell zum Schluss: «Wir brauchen eine andere Lösung».
Kurz darauf war Brewbee geboren. Doch auch die upgecycelten Lebensmittel sind nur ein Tropfen auf den heissen Stein: «Wir haben so viele Nebenströme, dass die ganze Schweizer Bevölkerung unsere Chips essen müsste, um alles in Umlauf zu bringen», sagt Meyer. In Zahlen: 15 Prozent der Nebenströme landen heute in den Brewbee-Produkten. Das sind 85 Prozent zu wenig für Meyer, der alle Nebenströme verwerten will.
Proteinpulver aus Biertreber
Gemeinsam mit dem Start-up Upgrain hat die Brauerei deshalb eine Methode entwickelt, um Treber in Proteinpulver umzuwandeln. Ein «No Brainer», wie der Geschäftsführer sagt. Bis zu 25'000 Tonnen Treber kann die Anlage pro Jahr zu 5000 bis 6000 Tonnen reinem, geschmacksneutralem und nachhaltig produziertem Proteinpulver verarbeiten.
«Wir haben bei der Arbeit keine Zeit für Hobbys, das muss sich auch wirtschaftlich rechnen.» Das Pulver soll dementsprechend «im grossen Stil» an Lebensmittelhersteller verkauft werden. Die Treberverwertung spart nicht nur Ackerland und Wasser, sondern auch CO₂-Emissionen. Allein in der Appenzeller Brauerei können bis zu 5500 Tonnen Emissionen eingespart werden.
Von Appenzell in die Welt
Im kleinräumigen Appenzell kommt das Verantwortungsgefühl automatisch dazu. Man kennt sich. Man weiss, was der Nachbar macht. «Aber letztlich ist der Klimawandel ein globales Problem», sagt Meyer. «Ich bin kein Ökofritz. Aber ich habe zwei kleine Kinder, und da fragt man sich schon, was für eine Welt man seinen Nachkommen hinterlässt.»
Und wenn die Brauerei aus dem kleinen Schweizer Kanton der ganzen Welt zeigen kann, wie einfach Brauereiabfälle zu Geld gemacht werden können, kommt deren CEO Aurèle Meyer mit Appenzeller Bodenständigkeit zum Schluss: «Das hat schon Einfluss». Bis Ende 2025 sollen sämtliche Nebenströme der Brauerei Locher wiederverwertet und verkauft werden können.
