Herr Bartha, als ich das erste Mal eine blaue Kartoffel gesehen habe, dachte ich an einen Oster-Gag. Als ich merkte, dass ich falschlag, staunte ich nicht schlecht. Das geht wahrscheinlich vielen erst mal so, oder?
Béla Bartha: Das möchte ich hoffen, denn das Ziel von Pro Specie Rara ist, dass Frau und Herr Schweizer wieder mehr Vielfalt im Laden begegnen und dadurch ins Staunen geraten. Die Formen- und Farbenvielfalt der Kartoffeln ist riesig. Dass man nun hie und da, neben den weissen und gelben, auch blaue und rotfleischige Früchte finden kann, ist eine Freude. Es ist allerdings nur ein kleines Fenster in die unglaubliche Vielfalt von weit über 2000 Sorten, die wir nur schon aus den Anden – deren Herkunftsregion – kennen.
Was ist Pro Specie Rara und aus welcher Motivation heraus ist die Stiftung entstanden?
Pro Specie Rara wurde 1982 als Stiftung in St. Gallen gegründet. Es war kurz nachdem der Weltzustandsbericht Global 2000 publiziert wurde, der von einem bedrohlichen Rückgang der Artenvielfalt sprach und das erstmals nicht nur auf die wilde Natur, sondern auch auf kultivierte Lebensformen wie unsere Kulturpflanzen und Nutztierrassen bezog.
Welches konkrete Ziel verfolgt Pro Specie Rara?
Unsere Vision ist es, die Vielfalt dort zu fördern, wo sie im Kontext der Landwirtschaft gefährdet ist und sie – wenn nötig – auch wieder dorthin zurückzubringen. Mehr Kulturpflanzen- und Nutztierrassen-Vielfalt auf den Höfen und in den Gärten führt automatisch auch insgesamt zu mehr Biodiversität.
Wieso sollte man alte Bergkartoffelsorten wiederbeleben, wenn sie sich als nicht resistent erwiesen haben? Ist das nicht wie bei den Sprachen? Lohnt sich das?
Der Vergleich mit der Sprache gefällt mir. Die Sprache ist Ausdruck einer Kultur, einer Mentalität, von Individualität und Herkunft. Wenn wir alle dieselbe Sprache sprechen würden, dann würden wir unsere regionale Verankerung und viel unserer individuellen Zugehörigkeit und Einzigartigkeit verlieren. Von der Biodiversität hängt letzten Endes unser Überleben ab – und die Kartoffeln sind Teil davon.
