Die Schweiz mag in vielen Bereichen Vorbild sein. In puncto Kleiderkonsum ist sie es eher nicht. Nur die Luxemburger Bevölkerung gibt im weltweiten Vergleich pro Kopf mehr Geld für Kleidung und Schuhe aus als die Schweizerinnen und Schweizer. Nur rund sechs Prozent der gekauften Textilien sind nachhaltig produziert. Pro Jahr kaufen Schweizerinnen und Schweizer rund 20 Kilogramm Textilien. (Vor 15 Jahren war es gerade mal die Hälfte.) Gleichzeitig werfen sie insgesamt über 100'000 Tonnen Kleidung weg, jedes Jahr. Nur die Hälfte dieser weggeworfenen Kleidungsstücke wird gespendet, weiterverkauft oder recycelt. Die andere Hälfte landet in der Verbrennungsanlage.
Die Organisation Fashion Revolution Schweiz sieht in der heutigen schnelllebigen Textilindustrie keine Zukunft: «Das jetzige Modesystem funktioniert nicht mehr. Fashion Revolution glaubt, dass die gesamte Modeindustrie einen radikalen Paradigmenwechsel braucht. Dies verlangt nach neuen Geschäftsmodellen sowie einer Vielzahl von Lösungsansätzen.»
Gleich mehrere Lösungsansätze verfolgt Walk-in Closet Schweiz. Seit gut zwölf Jahren veranstaltet der Non-Profit-Verein an mittlerweile 27 Standorten Kleidertauschbörsen und sorgt damit für etwa 30'000 getauschte Kleidungsstücke jährlich. Sonja Krummenacher ist Teil des Koordinationsteams bei Walk-in Closet Schweiz:
Sonja Krummenacher, was ist das Erfolgsrezept von Walk-in Closet Schweiz?
Im Fall unserer Kleidertauschbörsen sind es mit Sicherheit unsere grosse Community und vor allem auch die über 400 Freiwilligen. Wir haben Standortverantwortliche, die tolle eigene Ideen einfliessen lassen, wie Modeschauen oder ein Musikprogramm. Da wird das Kleidertauschen zum Erlebnis, das Menschen aller Generationen und Hintergründe anzieht.
Aber Secondhand wird die Probleme der Textilindustrie wohl nicht lösen, oder?
Secondhand alleine kann die Welt nicht retten, dafür sind grosse strukturelle Veränderungen nötig. Wenn grosse Fast-Fashion-Ketten heute Secondhand-Kleidung anbieten, um mehr Geschäfte zu machen, dann bringt das nicht viel. Es geht ja darum, Ressourcen zu schonen, nicht darum, noch mehr Konsum anzustossen. Bei unseren Kleidertauschbörsen und in unserem Online-Tauschshop achten wir darauf, dass die Kleidung intakt ist und dass die Qualität stimmt. So können alle etwas bewegen.
Sind sich die Besucherinnen und Besucher eurer Tauschbörsen bewusst, dass Fast Fashion solch grosse Umweltauswirkungen hat – oder geht es ihnen eher um die Mode?
Wir versuchen, die Themen zu verbinden: Mode ist wichtig, aber Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit sind es eben auch. Fast Fashion hat wahnsinnige Auswirkungen auf die Umwelt, es wird so viel überproduziert. Es ist wichtig, sich das permanent bewusst zu machen. Via Newsletter und Social Media machen wir das sehr breit gefächert. Wir zeigen, wie man Kleider richtig pflegt, damit man sie lange nutzen kann. Wir klären auch über die Auswirkungen der Textilindustrie auf und empfehlen Bücher und Podcasts, in denen sich die Leute ins Thema einlesen können. Bei unseren Kleidertauschbörsen sind auch oft unsere Kollegen und Kolleginnen von Public Eye dabei, die ebenfalls wichtige Sensibilisierungsarbeit leisten.
Welche Fakten sind der Bevölkerung noch nicht bekannt genug, wenn es um Fast Fashion geht?
Viele meinen, Fast Fashion sei günstig. Aber Fakt ist: Der wahre Preis wird einfach woanders bezahlt. Von der Umwelt, von den Billiglohnarbeiterinnen. Wenn man sich dessen bewusst wird, ist der Preis kein Argument mehr. Was auch immer wieder erschreckend ist: Man redet viel über die Umweltauswirkungen von Flügen und Reisen, aber die Textilindustrie wird weitgehend ignoriert – obwohl sie mehr Emissionen ausstösst als der gesamte Flug- und Schiffsverkehr zusammen.
Wie sieht die Zukunft von Walk-in Closet Schweiz aus?
Wir haben ambitionierte Ziele. Langfristig wollen wir unsere Finanzierung sichern und zum grössten Teil selbsttragend werden. Dafür suchen wir auch Gönnerinnen und Freiwillige für zusätzliche Standorte. Man kann sich bei uns melden, dann bauen wir die Tauschbörse gemeinsam auf.
Walk-in Closet Schweiz wurde 2011 von Jenny Perez als Studienprojekt lanciert. Das Konzept fand Anklang. 2016 hat sich der Verein professionalisiert, erhielt Unterstützung von Stiftungen und verfügt nun auch über eine Geschäftsstelle. Ende 2023 sammelte der Verein in einem Crowdfunding über 25’000 Franken. Neben den Tauschbörsen betreibt Walk-in Closet auch einen Online-Tauschshop.
