Herr Ouboter, Sie sind vor kurzem unter die Autoproduzenten gegangen. Wie kommt man dazu?
Wim Ouboter: Indem man eine Marketingidee zum Leben erweckt. Wir wollten eigentlich nur verdeutlichen, dass unsere Trottinetts Fahr- und keine Spielzeuge sind, und haben dafür die Vision eines Kleinfahrzeugs entwickelt. Als wir dieses in Genf ausgestellt haben, schrieben die Journalisten, das sei das ideale Fahrzeug. Daraufhin haben wir richtig losgelegt.
Das heisst: Es gibt einen Markt dafür.
Davon bin ich überzeugt, klar. Für mich sind kleine Fahrzeuge wie unser Microlino die Lösung. Ich glaube, wir können die Leute zum Umdenken bringen. Die durchschnittliche Strecke, die Herr und Frau Schweizer mit ihrem Auto täglich zurücklegen, liegt bei 32 Kilometern. Dazu haben wir die höchste Motorisierung pro Kopf nach Monaco – nicht gerade löblich für unser Land. Schauen Sie sich doch mal an, wie viele Autos mit nur einer Person drin herumfahren. Jeder könnte ganz einfach einen Beitrag leisten, indem man den grossen Langstreckenwagen nicht für jede Strecke verwendet. Sie gehen ja auch nicht jeden Tag mit einem riesigen Reisekoffer aus dem Haus, nur weil Sie sagen: Könnte ja sein, dass ich heute noch in einen Shoppingwahn gerate.
Wie sieht Ihrer Meinung nach der ideale Fuhrpark einer Schweizer Familie aus?
Maximal ein Langstreckenwagen. Mehr braucht man nicht. Den Rest kann man mit einem Microlino, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und, wenn man will, mit den Trottinetts machen. Den Langstreckenwagen braucht man hier doch eigentlich wirklich nur am Wochenende oder in den Ferien.
Sie verkaufen nicht einfach ein Produkt, sondern einen Lifestyle. War das von Anfang an das Konzept?
Ja. Ohne Marketing und ohne Lifestyle gehts nicht. Mit dem Microlino verzichtet man ja auf Komfort und sehr viel Platz.
Und was kriegt man dafür?
Ein cooles, tropfenförmiges Ding, das sich fährt wie ein Gokart, die Parkplatzsuche viel einfacher gestaltet, um Lichtjahre günstiger ist im Unterhalt und einen Beitrag zur Lösung der Verkehrs- und Umweltproblematik liefert. In Italien pfeifen sie einem nach, wenn man mit dem Microlino vorbeidüst, und rufen: «Bella Figura!»
Die grossen Themen sind bei Elektroautos immer Reichweite und Ladezeit. Wie schneidet der Microlino da ab?
Das Auto ist ohne Batterie nur 450 kg schwer – darum brauchen wir nur eine kleine, leichte 48-Volt-Batterie. Mit der kommt man bis zu 130 km weit. Mit unserer grössten Batterie hat man gar einen Radius von 240 km. Aber das reizt man selten aus. Und wenn sie dann mal leer ist, schliesst man den Microlino einfach an eine normale Steckdose an und ist in vier Stunden wieder bei 100 Prozent.
Es ist ein Zweisitzer mit zusätzlicher Ladefläche. Darf man auch einen Kindersitz installieren?
Ja, darf man. Aber klar: Es ist ein Kabinenroller für den täglichen Gebrauch – aber eben kein Familienauto.
Sie haben die Politik angesprochen. Erhält der Microlino Fördergelder?
Nur in Italien und in Griechenland. In Deutschland und in der Schweiz keinen Rappen. Die Politik glaubt, sie könne mit Lastenvelos und ÖV das Verkehrsproblem lösen. Aber das ist Augenwischerei. Oft fällt der Microlino zwischen Stuhl und Bank, weil er rein technisch kein Auto, sondern ein «Heavy Quadricycle» ist. Und wenn man sich stur auf die EU-Richtlinien stützt, dann muss man ihn nicht fördern. Zum Vergleich: Teslas werden nicht nur gefördert, sie bekommen auch viel Geld von den Autoimporteuren, weil sie ihnen helfen, deren CO2-Flottenbilanz zu verbessern.
Ein Microlino mit ordentlicher Reichweite und Ausstattung kostet 20’000 Franken. Ein stolzer Preis für ein Ergänzungsfahrzeug. Ein Citroën Ami oder ein Renault Twizy kostet weniger als die Hälfte.
Dafür bieten sie auch deutlich weniger. Der Microlino fährt bis zu 90 Stundenkilometer, ist wettergeschützt und hat für so ein kleines Ding einen ganz ordentlichen Stauraum.
Was halten Sie eigentlich von den Sharing-Trottis, die man überall mieten kann?
Das ist nicht unser Konzept. Wir verkaufen Trottis, die man zusammenklappen und überallhin mitnehmen kann. Ich halte das Sharing-Modell auch nicht für besonders effizient. Vielen gelten sie mittlerweile als Ärgernis, weil sie überall rumstehen.
Kürzlich interviewten wir in dieser Serie den Entwickler Frank M. Rinderknecht und er meinte, in Sachen Mobilität und Nachhaltigkeit gebe es keine Wahrheit. Wie sehen Sie das?
Es gibt sicher eine Wahrheit: Für 80 Prozent unserer Mobilität sind unsere Autos zu gross. Kleinere Autos mit kleinerer Batterie reichen für die meisten von uns im Alltag völlig aus.
Sie sprechen immer vom Zweitwagen. Aber wenn man dann einen Microlino und vielleicht ein Elektrotrotti hat und den öffentlichen Verkehr nutzt, dann lohnen sich ja die Anschaffung und der Unterhalt eines grossen Autos gar nicht.
Natürlich nicht. Meine Frau und ich fahren seit einem Jahr ausschliesslich Microlino und ÖV. Mit einer Ausnahme: Wenn wir Ausflüge machen am Wochenende. Dafür leihe ich mir dann eines unserer Firmenautos aus. Man könnte dafür natürlich auch ein Sharing-Modell nutzen oder einfach ein Auto mieten.
