Herr Hügli, angesichts der dringend notwendigen Klimaschutzmassnahmen: Warum ist das Generalabonnement in der Schweiz nicht einfach gratis?
Um diese Frage zu beantworten, muss man sich zuerst bewusst sein: Die öffentliche Hand finanziert bereits heute 50 Prozent des öffentlichen Verkehrs. Der Regional- und Ortsverkehr wird beispielsweise durch die Kantone und Gemeinden bestellt und finanziert. Würde man das GA gratis anbieten, gäbe es dort einen immensen Ausfall. Das hätte enorme finanzielle Auswirkungen, insbesondere bei der Qualität. Es könnte dazu führen, dass man den Fahrplan ausdünnen oder den Komfort in den Fahrzeugen reduzieren müsste.
Doch die Schweiz ist wohlhabend und die Zeit zu handeln ist knapp.
Grundsätzlich begrüssen wir natürlich jede Initiative, die den ÖV-Anteil steigern möchte. Unsere Arbeit hängt aber auch von den politischen Rahmenbedingungen ab. Es gab schon verschiedene politische Initiativen, die den ÖV in Städten und Kantonen gratis stellen wollten. Diese wurden bisher allesamt abgelehnt oder kamen gar nicht erst vors Volk. Zudem vertreten wir den Standpunkt: Was nichts kostet, ist auch nichts wert.
Sind die Finanzen da wirklich der einzige Grund?
Nein, wie gesagt, es geht dabei auch um die Qualität. Die Schweiz ist weltweit führend, was die ÖV-Qualität anbelangt – beispielsweise hinsichtlich Fahrplan, Häufigkeit der Verbindungen, Umsteigemöglichkeiten, die regionale Erschliessung und durchgehende Tickets. Wir haben ein sehr attraktives Angebot. Ist man oft unterwegs, ist das Generalabonnement daher schon heute einer der attraktivsten Fahrausweise – aktuell sind 430’000 GA im Umlauf. Aber auch das Halbtax ist mit 2,9 Millionen Abos sehr beliebt.
Wie schafft man es sonst, mehr Leute zum Umstieg auf den ÖV zu bringen?
Eine ÖV-Fahrt muss so einfach werden wie ins Auto einzusteigen. Auch daran arbeiten wir: Als bisher einziges Land der Welt hat der Schweizer ÖV das automatische Ticketing flächendeckend eingeführt. Man braucht nur noch eine App, checkt bei Fahrtbeginn ein und nach Fahrtende wieder aus. Am Ende des Tages wird der vorteilhafteste Preis berechnet. Für die Zukunft ist auch denkbar, dass eine solche App den Kunden informiert, sobald sich ein bestimmtes Abo lohnen würde.
Eine solche App senkt aber die Fahrtkosten noch nicht.
Bis zu einem gewissen Grad stimmt das, aber wir haben auch schon Rabatte und Sonderangebote, vor allem für Junge und Senioren. Die Schülertageskarte, die per Anfang Jahr eingeführt wurde, kostet 15 Franken. Mit dem Abo seven25 können unter 25-Jährige den ÖV ab 19 Uhr unbeschränkt nutzen und bezahlen nur 390 Franken pro Jahr. Mit der Friends-Tageskarte fährt man zu viert für gerade einmal 20 Franken pro Person. Und mit dem aktuell getesteten ÖV-Guthaben versuchen wir, die Lücke zwischen Halbtax und GA zu schliessen – für Halbtax-Vielnutzer, die aber zu wenig fahren fürs GA. Dabei machen wir keine Schnellschüsse, sondern klären jeweils mit Markttests ab, welche Aboformen unsere Kundinnen und Kunden wirklich nutzen.