Der Klimawandel stellt eine der grössten Herausforderungen unserer Zeit dar. Insbesondere das Fliegen hat enorme Auswirkungen auf unsere Umwelt und führt bei immer mehr Menschen zu einem Phänomen, das als Flugscham bezeichnet wird.
Der Begriff beschreibt das Unwohlsein, das einige Menschen empfinden, wenn sie einen Flug antreten und sich der klimaschädlichen Tragweite bewusst werden. Denn es ist bekannt, dass Flugreisen für einen bedeutenden Teil der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich sind.
Wie fliegt die Zukunft?
Eine vielversprechende Lösung liegt in der Nutzung erneuerbarer Energien. Besonders Solartreibstoff ist eine grüne Energiequelle für den Tourismus. Doch dabei gibt es Herausforderungen, die Dr. Cyril Brunner, Dozent am Departement Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich, im Interview erklärt.
Herr Dr. Brunner, haben Sie manchmal Flugscham?
Dr. Cyril Brunner: Ich bin früher sehr gerne geflogen. Allerdings habe ich seit ein paar Jahren keinen Flieger mehr von innen gesehen. Ein Verzicht aufs Fliegen ist heute die einzige Option, ressourcenschonend zu reisen. Selbst einen Flug zu kompensieren, bringt heute leider wenig.
Einerseits hinkt die Logik – denn andernorts Emissionen einzusparen, macht einen Flug nicht klimaneutral. Andererseits zeigen Studien wiederholt, dass massiv mehr Kompensationszertifikate verkauft als tatsächlich Emissionen vermieden werden.
Wie denken Sie darüber, dass immer mehr Menschen Bedenken haben, Flugreisen zu unternehmen?
Einerseits ist es gut, dass das Bewusstsein über die leider sehr grossen Auswirkungen des Fliegens aufs Klima steigt. Gleichzeitig ist es schade, denn fremde Kulturen und Landschaften zu erkunden, ist für viele etwas Bereicherndes.
Gibt es Hoffnung, dass sich das in Zukunft ändern könnte?
Ja und nein. Wir haben heute eine gute Idee, wie wir die Luftfahrt so hinbekommen, dass sie wirklich klimaneutral sein kann. Beispielsweise durch eine Kombination von Solartreibstoffen und CO₂-Entfernung. Gleichzeitig fliegen wir Menschen sehr viel, in der Schweiz sind es pro Person durchschnittlich 6,3 Flüge pro Jahr. Es ist eine grosse Herausforderung, für die heutige Anzahl von Flügen eine ausreichende Produktion von Solartreibstoff und CO₂-Entfernung aufzubauen.
Was müsste sich in der Luftfahrtindustrie ändern, um auf herkömmlichen Treibstoff verzichten zu können?
Es gibt mehrere Möglichkeiten, die letztendlich unsere Volksvertretungen entscheiden. Beispielsweise könnte eine Art Abfallgebühr erhoben werden. Damit erhält CO₂ den Preis, den es braucht, um die Atmosphäre nach dem Flug wieder aufzuräumen. So wären unsere Emissionen auf Netto-Null. Fliegt man mit Solartreibstoffen, muss durch die geringere Klimawirkung nur noch ein Drittel aufgeräumt werden.
Welche Herausforderungen gibt es dabei?
Nachhaltiges Fliegen würde teuer werden und ein Flug nach Berlin oder Wien würde wohl mindestens 100 statt 30 Franken kosten. Auch, dass es in unserer Gesellschaft als erstrebenswert angesehen wird, möglichst oft möglichst weit weg zu reisen, ist eine grundlegende Herausforderung. Instagram und TikTok beflügeln dies, im wahrsten Sinne.
Die grosse regulatorische Herausforderung bei der Luftfahrt ist, dass die Rahmenbedingungen global gleich sein müssten. Sonst umfliegt man einzelne Länder, die eine klimaneutrale Luftfahrt umsetzen wollen. Daher gibt es heute auf Flugtreibstoffen keine Steuern und keine CO₂-Abgabe.
Gibt es andere umweltfreundliche Energien oder Technologien, die in Zukunft eine Rolle im Tourismus spielen könnten?
Eine Reihe! Beispielsweise Nachtzüge. Aber Zukunftsmusik sind im Moment noch Wasserstoffflugzeuge. Oder, für Kurzstrecken, Elektroflugzeuge. Biotreibstoffe sind so, wie sie die Swiss nützt, auch eine Option.
Baut man hingegen extra Pflanzen für Biotreibstoffe an, ist das meist weder fürs Klima noch für die Nahrungsmittelproduktion hilfreich. Zudem können wir uns fragen, was uns in den Ferien erfüllt: warmes Wasser, leckeres Essen, fremde Kulturen, eindrückliche Landschaften? Und ob wir diese Dinge wirklich nur auf der anderen Seite des Planeten finden.
