Zwei Drittel der Erwachsenen in der Schweiz legen ihr Geld in Aktien, Fonds oder ähnlichen Finanzprodukten an. Das zeigt eine repräsentative Umfrage der Raiffeisenbank. Wie lässt man dieses Geld möglichst nachhaltig arbeiten? Julian Kölbel forscht und lehrt an der Universität St. Gallen zu Sustainable Finance. Er weiss, wie es geht und was Anleger und Anlegerinnen vermeiden sollten.
Herr Kölbel, welche Frage zum nachhaltigen Investieren wird Ihnen zu wenig gestellt?
Jene zu Immobilien. Viele denken beim nachhaltigen Investieren sofort an Aktien und Fonds, aber für die meisten Privatpersonen sind Immobilien das grösste Investment ihres Lebens. Zudem machen Gebäude etwas mehr als 20 Prozent der Schweizer CO₂-Emissionen aus.
Lassen sich die Umweltauswirkungen des hiesigen Finanzplatzes auch an einer Ziffer festmachen?
Das ist schwieriger. Die Finanzmärkte sind irgendwie mit allen realen Assets verknüpft. Wenn wir bei den Gebäuden bleiben: Auch da sind die Banken über Hypotheken beteiligt.
Gesamtgesellschaftlich scheint der grosse Nachhaltigkeitsboom vorbei zu sein. Inwiefern zeichnet sich das auch bei nachhaltigen Investments ab?
Zwischen 2018 und 2022 sind die nachhaltigen Anlagen stark angestiegen. Diese Entwicklung ist abgeflacht. In Europa stagnieren sie heute auf hohem Niveau. 80 Prozent der nachhaltigen Anlagen sind in Europa beheimatet. In den USA sind sie nur noch ein marginales Phänomen.
Oft heisst es, dass man finanzielle Einbussen in Kauf nehmen muss, wenn man mit Nachhaltigkeitsfokus investiert. Stimmt das?
Jeder Fokus schliesst Branchen aus, und wenn ich weniger breit diversifiziere, habe ich ein grösseres Risiko. Eine Metastudie kam allerdings zum Schluss, dass Anlagen mit und ohne Nachhaltigkeitsfokus etwa gleich gut performen. Das deutet darauf hin, dass die Unterschiede klein sind. Aber es kann durchaus sein, dass man für die Nachhaltigkeit etwas bezahlt. Ich habe zum Beispiel selbst vor einigen Jahren in den MSCI World, einen globalen Index, investiert, einmal mit und einmal ohne Nachhaltigkeitsfokus. Der nachhaltige Index hinkt inzwischen um vier Prozent hinterher, aber das kann sich auch wieder ändern.
Was bringt Menschen dazu, nachhaltig zu investieren?
Ein Grund ist, dass sich solche Anlagen auch als Wette auf eine bessere Welt verstehen: Man weicht bewusst von der reinen Lehre der breiten Diversifikation ab und schliesst gewisse klimaschädliche Branchen aus. Das ist vergleichbar damit, mit einem KI-Fokus zu investieren, weil man darauf setzt, dass die Branche boomen wird. Ob das eintritt, weiss heute niemand.
Lassen wir die Hoffnung beiseite. Was kann nachhaltiges Investieren nachweislich bewirken – und was nicht?
Dänische Forscher haben kürzlich berechnet, dass die weltweiten nachhaltigen Anlagen einen Effekt haben, der mit einer CO₂-Steuer von vier US-Dollar pro Tonne CO₂ vergleichbar ist. Es gibt also einen Effekt, dies allein reicht aber natürlich noch nicht aus.
Angesichts dieser Zahl: Können nachhaltige Investitionen von Privatpersonen überhaupt etwas bewirken oder geht es hauptsächlich darum, das eigene Gewissen zu beruhigen?
Kleine Anlagen haben tatsächlich einen sehr kleinen Einfluss. Letztlich geht es beim Investieren aber auch darum, welchen Prinzipien ich folge. Das ist vergleichbar mit dem Abstimmen bei politischen Vorlagen. Meine eigene Stimme hat nur wenig Gewicht, trotzdem gehe ich an die Urne und vertrete meine Überzeugungen.
An der Urne hat aber jeder eine einzige Stimme. Am Finanzmarkt ist das ungleicher verteilt.
Dafür gibt es Möglichkeiten wie Active Ownership. Mit dieser erhält mein Asset Manager das Mandat, bei allen Entscheidungen einer Firma ein bestimmtes Thema zu platzieren, zum Beispiel Nachhaltigkeit. Das kann bei grossen Firmen viel bewirken. So können etwa Veränderungen angestossen werden, die die Firmen aus der reinen Profitlogik heraus nicht angehen würden, die ihnen aber auch nicht im Weg stehen.
Wie kann man als Privatanleger via Active Ownership investieren?
Das ist ganz einfach: Man geht zu einem Asset Manager, der Active Ownership als Policy verfolgt. Besonders attraktiv daran ist auch, dass sich Active Ownership über kostengünstige passive ETF machen lässt.
Viele, die nachhaltigen Prinzipien folgen, dürften ihr Geld sehr bewusst vom Finanzmarkt fernhalten, zum Beispiel weil sie nicht an das Prinzip des Wachstums glauben.
Absolut. Hier schliesst sich ein Kreis: Manchen genügt es, über den Finanzmarkt nachhaltig investiert zu sein. Wem das nicht ausreicht, dem würde ich raten, über Immobilien nachzudenken. Installiert man eine Wärmepumpe und Solarzellen, ist die ökologische Wirkung der Investition offensichtlich.
Ein grosser Hebel ist auch die Altersvorsorge. Was lässt sich hier machen?
Bei der Säule 3a kann man fast immer auswählen, ob diese nachhaltig investiert werden soll. Die Pensionskasse wird bei den meisten finanziell mehr ausmachen. Da kann es sich lohnen, beim eigenen CEO nachzuhaken, inwiefern bei der Wahl der Pensionskasse Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt werden.
ESG-Ratings (Environmental, Social, Governance) gelten als Standard, um die Nachhaltigkeit von Firmen zu bewerten. Studien zeigen aber, dass die Ratings verschiedener Institute nur bedingt übereinstimmen. Sind die ESG gut genug?
Es stimmt: Verschiedene ESG-Ratings korrelieren nur bedingt miteinander. Trotz dieser Unschärfe kommt es aber fast nie vor, dass eine Firma von einer Ratingagentur als «schlecht» und von einer anderen als «gut» eingestuft wird. Man muss auch bedenken: Es ist nicht einfach zu bewerten, wie nachhaltig eine Firma ist. Das ist vergleichbar mit Gerechtigkeit. Wer entscheidet abschliessend, ob etwas gerecht ist? Die ESG-Kennzahlen sind grundsätzlich schon richtig.
Nehmen wir an, jemand möchte mit dem Investieren anfangen und dabei auf Nachhaltigkeit setzen. Wo fängt man an?
Es lohnt sich, gleich zu Beginn 500 Franken in eine Beratung zu investieren. Wichtig ist, dass diese unabhängig ist. Angestellte einer Bank oder einer anderen Institution haben meist bestimmte Produkte, die sie verkaufen wollen. Kommt hinzu: Diese 500 Franken hat man schnell wieder drin. Für nachhaltige Anlagen lohnt sich auch ein Blick in die Swiss Climate Scores für Finanzanlagen des Bundes und Vergleichsplattformen wie Comparis oder Morningstar.
Und für geübtere Anlegerinnen und Anleger?
Ich bin ein Fan davon, einen Grossteil des Portfolios in günstige ETF zu stecken und den Rest kreativer oder mit Impact-Fokus zu investieren. Bei Solarify kann man Solarzellen kaufen und erhält dafür einen Zins. Wer mehr Kapital hat, kann auch Start-ups unterstützen, die potenziell entscheidende Innovationen hervorbringen.