Als der Bund 2012 die Energiepotenziale für Wind- und Sonnenenergie berechnen liess, war das Potenzial für Energie aus Windanlagen noch bescheiden: Dem Wind wurde ein Potenzial von 3,7 Terawattstunden (TWh) Strom pro Jahr zugeschrieben. Das Solarstrom-Potenzial wurde mit 15,5 TWh pro Jahr beziffert – dem Fünffachen. Zum Vergleich: Im Jahr 2021 wurden in der Schweiz knapp 58,1 TWh Strom verbraucht.
Eine vom Bundesamt für Energie neu in Auftrag gegebene Analyse ist nun zu einem bemerkenswerten Schluss gelangt: Die Studie, die vom Berner Wetterunternehmen Meteotest erstellt und Ende August veröffentlicht wurde, schätzt das Windpotenzial um das Achtfache höher ein. Würde das gesamte Windpotenzial ausgeschöpft, könnten in der Schweiz allein mit Wind 29,5 Terawattstunden Strom erzeugt werden – was mehr der Hälfte des letztjährigen schweizerischen Stromverbrauchs entspricht.
Das massiv höhere Potenzial liegt nicht etwa am stärkeren Windaufkommen. Auch die Berechnungsmethode blieb gleich: Als Datengrundlage diente der Windatlas aus dem Jahr 2019, in die Berechnung flossen die regionalen Windgeschwindigkeiten auf 100 und 150 Metern über dem Boden ein. Für das höhere Potenzial sorgen laut der Studie andere Faktoren.
Mehr Strom, weniger Naturschutz
So wurden einerseits grosse Fortschritte bei der Technik der Windanlagen gemacht. Sie können die Energie des Windes heute viel effizienter nutzen als vor zehn Jahren. Auch wurden neue Arten von Windanlagen entwickelt, die sich speziell für den Einsatz im Binnenland eignen. Für die Studie wurde mit verschiedenen, an die Topografie und Windverhältnisse angepassten Turbinentypen gerechnet.
Zudem haben sich die gesetzlichen Grundlangen verändert. Das Energiegesetz aus dem Jahr 2018 erlaubt die Installation von Anlagen in zuvor davon ausgeschlossenem Gebieten, beispielsweise Waldflächen, Wildtierkorridoren, regionalen Naturpärken von nationaler Bedeutung und weiteren Flächen.
Weiterhin ausgeschlossen wurden indessen Wohnzonen, nationale Inventare für Natur- und Landschaftsschutz, Bauzonen und mehr. Die gesellschaftliche Interessenslage habe sich verändert, erklärt die Studie. Der Produktion erneuerbarer Energien werde mehr heute Gewicht gegenüber dem Naturschutz beigemessen.
Mehr Wind im Winter
Also besonders hoch wird das Potenzial in Waldgebieten angegeben – es beträgt laut Berechnung 14,8 Terawattstunden Strom pro Jahr. Das grösste regionale Potenzial besteht mit über 20 TWh pro Jahr im Mitteland, gefolgt vom Jura und den Alpentälern mit 9,1 TWh. Auf die Kantone heruntergebrochen besitzt Bern mit rund sieben TWh das grösste Potenzial, gefolgt von Waadt mit knapp sechs TWh.
Die Analyse zeigt auch auf, dass Windkraftanlagen im Winterhalbjahr mehr Strom produzieren als im Sommerhalbjahr – 19 Terawattstunden in der kalten Jahreszeit. Der Grund dafür seien grossräumige Winde wie die Bise oder der Westwind, die im Herbst und Winter stärker blasen. Im Sommer und Frühjahr wirken hingegen eher lokale thermische Winde.