Mit steigendem Wohlstand ist auch der Fleischkonsum gestiegen: Schweizerinnen und Schweizer essen jährlich rund 50 Kilogramm pro Kopf. Foto: Giselle Flissak, iStock
Mit steigendem Wohlstand ist auch der Fleischkonsum gestiegen: Schweizerinnen und Schweizer essen jährlich rund 50 Kilogramm pro Kopf. Foto: Giselle Flissak, iStock
Jede Person in der Schweiz isst jährlich rund 50 Kilogramm Fleisch. Die preisgekrönte Forscherin Saskia Stucki erklärt, wie das Klima und die Gesundheit leiden – und warum politische Lösungen ausbleiben.
Jede Person in der Schweiz isst jährlich rund 50 Kilogramm Fleisch. Die preisgekrönte Forscherin Saskia Stucki erklärt, wie das Klima und die Gesundheit leiden – und warum politische Lösungen ausbleiben.
Frau Stucki, wie viel Fleisch essen wir in der Schweiz?
Zurzeit liegt der jährliche Konsum bei rund 50 Kilogramm pro Person und Jahr. Jährlich werden hierzulande über 80 Millionen Tiere geschlachtet, das sind zehnmal mehr, als Menschen in der Schweiz leben. Weltweit hat sich der Fleischkonsum seit den 1960er-Jahren verdoppelt. Dies hängt einerseits mit der Zunahme der Weltbevölkerung und andererseits mit dem steigenden Wohlstand zusammen. Es wird prognostiziert, dass mit steigenden Einkommen in Schwellenländern wie Indien oder China der globale Fleischkonsum bis 2050 nochmals um 80 Prozent zunehmen wird. In der Schweiz lag der Pro-Kopf-Fleischkonsum in den 1980er- und 1990er-Jahren bei rund 60 Kilogramm pro Jahr und ist seit einigen Jahren stabil, obwohl es immer mehr Vegetarier und Flexitarier gibt.
Ist dieser Konsum nachhaltig?
Neben den Auswirkungen auf die Gesundheit und das Tierwohl ist die Fleischproduktion einer der Haupttreiber des Klimawandels: Schätzungsweise 18 bis 20 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen stammen aus der Tierhaltung. Auch die Biodiversitätskrise hängt mit dem Fleischkonsum zusammen. Soja, für das in Südamerika Regenwald gerodet wird, wird vor allem in der Nutztierhaltung eingesetzt. Diese Zusammenhänge sind wissenschaftlich eindeutig belegt. Auch der Weltklimarat, die Weltbank oder die OECD haben erkannt, dass der Umweltschutz ebenfalls am Ernährungssystem ansetzen muss.
Wie viel Fleisch dürften wir essen, um die Umwelt nicht übermässig zu belasten?
Die Landwirtschaft, insbesondere die Tierlandwirtschaft, wird nie emissionsfrei sein. Die Planetary Health Diet, die auf umfassenden wissenschaftlichen Evidenzen basiert, bietet aber einen Referenzwert für einen umweltverträglichen Fleischkonsum: maximal 300 Gramm pro Woche. Sprich knapp 16 Kilogramm pro Jahr. Oder mehr als dreimal weniger, als heute in der Schweiz gegessen wird. Auch die neuen Ernährungsempfehlungen des Bundes sprechen von maximal zwei- bis dreimal wöchentlich Fleisch.
«Würden alle Kosten für Umwelt und Gesundheit eingerechnet, müsste Fleisch mehr als doppelt so teuer sein», sagt Saskia Stucki, die 2025 den Schweizer Wissenschaftspreis Latsis gewonnen hat und an der ZHAW und der Universität Zürich forscht. Foto: ZVG
Der Fleischkonsum stagniert seit Jahren auf einem hohen Niveau von 50 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Warum schaffen wir es nicht, weniger Fleisch zu essen?
Das ist eine komplexe Frage. Derzeit spiegelt der Marktpreis von Fleisch weniger als 50 Prozent der tatsächlichen Kosten wider. Die restlichen Kosten wie Gesundheitskosten durch zunehmende Antibiotikaresistenzen, Tierleid oder Emissionen werden von der Gesellschaft getragen oder externalisiert. Würden all diese Kosten eingerechnet, müsste Fleisch mehr als doppelt so teuer sein. Die Folge wäre wahrscheinlich, dass viele Menschen weniger Fleisch essen und vermehrt auf kostengünstigere pflanzliche Alternativen zurückgreifen würden.
Inwiefern spielt unser Verhältnis zum Nahrungsmittel Fleisch eine Rolle?
Ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet, aber in der Psychologie gibt es den Begriff des sogenannten Fleischparadoxons: Den meisten Menschen ist Tierwohl und Naturschutz wichtig. Sie wollen nicht, dass Tiere leiden. Trotzdem essen sie Fleisch. Dahinter können psychologische Mechanismen wie Verdrängung, Rationalisierung oder Hierarchisierung stecken. Zum Beispiel, wenn man sich sagt: «Das sind doch nur Tiere.» Auch Gewohnheit und Tradition spielen eine grosse Rolle.
Welche Ansätze gibt es, um den Fleischkonsum zu reduzieren?
Ein wirksamer Ansatz wäre, ein fleischloses Menü zum Beispiel in öffentlichen Spitälern zum Standard zu machen, sogenannte Default-Nudges. Studien zeigen, dass solche einfachen Massnahmen den Verzehr von vegetarischen Menüs um ein Vielfaches steigern können. Auch Aufklärungskampagnen sind denkbar.
Reicht das?
Aus wissenschaftlicher Sicht ist klar: nein. Labels und Informationskampagnen haben relativ wenig Einfluss. Finanzielle Massnahmen wie Subventionen, Steuern oder öffentliche Investitionen bewirken viel mehr. Zurzeit werden in der Europäischen Union 1200-mal mehr öffentliche Gelder in die Fleischindustrie investiert als in pflanzenbasierte Alternativen. Auch eine CO₂- oder Methanabgabe auf Fleisch ist eine Idee, die inzwischen im Mainstream diskutiert wird. Bei fossilen Brennstoffen wird diese Idee bereits umgesetzt.
Die Wege zur Reduzierung des Fleischkonsums sind also bekannt. Warum werden sie noch nicht umgesetzt?
Die Mittel und Lösungen sind vorhanden, aber der politische Wille fehlt oftmals. Politiker haben vielleicht Angst, es sich mit ihren Wählern zu verscherzen. Nicht zu vernachlässigen ist auch die erhebliche politische Macht der Landwirtschaft, ebenfalls in der Schweiz. Interessant ist, dass in der Schweiz schätzungsweise 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung Vegetarier sind. Die Bauern machen nur 2 Prozent der Bevölkerung aus.
Gibt es Länder, von denen sich die Schweiz inspirieren lassen könnte?
Dänemark will zum Vorreiter der pflanzenbasierten Transition werden. Vor einigen Monaten hat die Regierung zusammen mit der Landwirtschaft ein 40-seitiges Dokument mit Massnahmen zur Ernährungswende veröffentlicht: Der Pflanzensektor soll gestärkt werden, Steuern auf Fleisch sind angedacht. Es soll pflanzenbasierte Weiterbildungen für Köche geben. Meines Wissens ist dies der erste Staat, der sich die Ernährungswende auf die Fahnen geschrieben hat. Man muss aber abwarten, wie das alles umgesetzt wird.
Menschen lassen sich oft nicht gerne ins Essen reden. Wie geht man mit jemandem um, der auf seine persönliche Freiheit beim Fleischkonsum pocht?
Für viele Menschen ist Ernährung Privatsache. Der Staat greift aber in vielen Lebensbereichen ein, wenn etwas nicht stimmt: Früher durfte man im Zug rauchen, heute ist das aus gesundheitspolitischen Gründen nicht mehr möglich. Die persönliche Freiheit stösst dort an ihre Grenzen, wo entgegenstehende öffentliche Interessen überwiegen. Beim Fleisch ist diese Grenze der Konsumfreiheit meiner Meinung nach erreicht.
Frau Stucki, wie viel Fleisch essen wir in der Schweiz?
Zurzeit liegt der jährliche Konsum bei rund 50 Kilogramm pro Person und Jahr. Jährlich werden hierzulande über 80 Millionen Tiere geschlachtet, das sind zehnmal mehr, als Menschen in der Schweiz leben. Weltweit hat sich der Fleischkonsum seit den 1960er-Jahren verdoppelt. Dies hängt einerseits mit der Zunahme der Weltbevölkerung und andererseits mit dem steigenden Wohlstand zusammen. Es wird prognostiziert, dass mit steigenden Einkommen in Schwellenländern wie Indien oder China der globale Fleischkonsum bis 2050 nochmals um 80 Prozent zunehmen wird. In der Schweiz lag der Pro-Kopf-Fleischkonsum in den 1980er- und 1990er-Jahren bei rund 60 Kilogramm pro Jahr und ist seit einigen Jahren stabil, obwohl es immer mehr Vegetarier und Flexitarier gibt.
Ist dieser Konsum nachhaltig?
Neben den Auswirkungen auf die Gesundheit und das Tierwohl ist die Fleischproduktion einer der Haupttreiber des Klimawandels: Schätzungsweise 18 bis 20 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen stammen aus der Tierhaltung. Auch die Biodiversitätskrise hängt mit dem Fleischkonsum zusammen. Soja, für das in Südamerika Regenwald gerodet wird, wird vor allem in der Nutztierhaltung eingesetzt. Diese Zusammenhänge sind wissenschaftlich eindeutig belegt. Auch der Weltklimarat, die Weltbank oder die OECD haben erkannt, dass der Umweltschutz ebenfalls am Ernährungssystem ansetzen muss.
Wie viel Fleisch dürften wir essen, um die Umwelt nicht übermässig zu belasten?
Die Landwirtschaft, insbesondere die Tierlandwirtschaft, wird nie emissionsfrei sein. Die Planetary Health Diet, die auf umfassenden wissenschaftlichen Evidenzen basiert, bietet aber einen Referenzwert für einen umweltverträglichen Fleischkonsum: maximal 300 Gramm pro Woche. Sprich knapp 16 Kilogramm pro Jahr. Oder mehr als dreimal weniger, als heute in der Schweiz gegessen wird. Auch die neuen Ernährungsempfehlungen des Bundes sprechen von maximal zwei- bis dreimal wöchentlich Fleisch.
«Würden alle Kosten für Umwelt und Gesundheit eingerechnet, müsste Fleisch mehr als doppelt so teuer sein», sagt Saskia Stucki, die 2025 den Schweizer Wissenschaftspreis Latsis gewonnen hat und an der ZHAW und der Universität Zürich forscht. Foto: ZVG
Der Fleischkonsum stagniert seit Jahren auf einem hohen Niveau von 50 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Warum schaffen wir es nicht, weniger Fleisch zu essen?
Das ist eine komplexe Frage. Derzeit spiegelt der Marktpreis von Fleisch weniger als 50 Prozent der tatsächlichen Kosten wider. Die restlichen Kosten wie Gesundheitskosten durch zunehmende Antibiotikaresistenzen, Tierleid oder Emissionen werden von der Gesellschaft getragen oder externalisiert. Würden all diese Kosten eingerechnet, müsste Fleisch mehr als doppelt so teuer sein. Die Folge wäre wahrscheinlich, dass viele Menschen weniger Fleisch essen und vermehrt auf kostengünstigere pflanzliche Alternativen zurückgreifen würden.
Inwiefern spielt unser Verhältnis zum Nahrungsmittel Fleisch eine Rolle?
Ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet, aber in der Psychologie gibt es den Begriff des sogenannten Fleischparadoxons: Den meisten Menschen ist Tierwohl und Naturschutz wichtig. Sie wollen nicht, dass Tiere leiden. Trotzdem essen sie Fleisch. Dahinter können psychologische Mechanismen wie Verdrängung, Rationalisierung oder Hierarchisierung stecken. Zum Beispiel, wenn man sich sagt: «Das sind doch nur Tiere.» Auch Gewohnheit und Tradition spielen eine grosse Rolle.
Welche Ansätze gibt es, um den Fleischkonsum zu reduzieren?
Ein wirksamer Ansatz wäre, ein fleischloses Menü zum Beispiel in öffentlichen Spitälern zum Standard zu machen, sogenannte Default-Nudges. Studien zeigen, dass solche einfachen Massnahmen den Verzehr von vegetarischen Menüs um ein Vielfaches steigern können. Auch Aufklärungskampagnen sind denkbar.
Reicht das?
Aus wissenschaftlicher Sicht ist klar: nein. Labels und Informationskampagnen haben relativ wenig Einfluss. Finanzielle Massnahmen wie Subventionen, Steuern oder öffentliche Investitionen bewirken viel mehr. Zurzeit werden in der Europäischen Union 1200-mal mehr öffentliche Gelder in die Fleischindustrie investiert als in pflanzenbasierte Alternativen. Auch eine CO₂- oder Methanabgabe auf Fleisch ist eine Idee, die inzwischen im Mainstream diskutiert wird. Bei fossilen Brennstoffen wird diese Idee bereits umgesetzt.
Die Wege zur Reduzierung des Fleischkonsums sind also bekannt. Warum werden sie noch nicht umgesetzt?
Die Mittel und Lösungen sind vorhanden, aber der politische Wille fehlt oftmals. Politiker haben vielleicht Angst, es sich mit ihren Wählern zu verscherzen. Nicht zu vernachlässigen ist auch die erhebliche politische Macht der Landwirtschaft, ebenfalls in der Schweiz. Interessant ist, dass in der Schweiz schätzungsweise 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung Vegetarier sind. Die Bauern machen nur 2 Prozent der Bevölkerung aus.
Gibt es Länder, von denen sich die Schweiz inspirieren lassen könnte?
Dänemark will zum Vorreiter der pflanzenbasierten Transition werden. Vor einigen Monaten hat die Regierung zusammen mit der Landwirtschaft ein 40-seitiges Dokument mit Massnahmen zur Ernährungswende veröffentlicht: Der Pflanzensektor soll gestärkt werden, Steuern auf Fleisch sind angedacht. Es soll pflanzenbasierte Weiterbildungen für Köche geben. Meines Wissens ist dies der erste Staat, der sich die Ernährungswende auf die Fahnen geschrieben hat. Man muss aber abwarten, wie das alles umgesetzt wird.
Menschen lassen sich oft nicht gerne ins Essen reden. Wie geht man mit jemandem um, der auf seine persönliche Freiheit beim Fleischkonsum pocht?
Für viele Menschen ist Ernährung Privatsache. Der Staat greift aber in vielen Lebensbereichen ein, wenn etwas nicht stimmt: Früher durfte man im Zug rauchen, heute ist das aus gesundheitspolitischen Gründen nicht mehr möglich. Die persönliche Freiheit stösst dort an ihre Grenzen, wo entgegenstehende öffentliche Interessen überwiegen. Beim Fleisch ist diese Grenze der Konsumfreiheit meiner Meinung nach erreicht.