Das Pilotquartier Netto-Null der Stadt Zürich zeigt, wie Bevölkerung und Unternehmen gemeinsam Treibhausgasemissionen reduzieren und Ressourcen clever nutzen können. Noch bis Ende 2031 werden in der Binz und in Alt-Wiedikon Klimaschutzmassnahmen in der Praxis erprobt und gemeinsam weiterentwickelt. Im Interview erzählt Andrea Altorfer, die Projektleiterin der Stadt Zürich, wie das Pilotprojekt angelaufen ist, welche Meilensteine bereits erreicht sind und was als Nächstes ansteht.
Frau Altorfer, wie ist die Idee des Pilotquartiers Netto-Null entstanden?
Die Zürcher Stimmbevölkerung hat den städtischen Klimaschutzzielen 2022 mit einer deutlichen Mehrheit von 75 Prozent zugestimmt. Um diese Ziele zu erreichen, braucht es das gemeinsame Engagement von Bevölkerung, Unternehmen und Stadtverwaltung. Bei der Reduktion der direkten Emissionen ist die Stadt Zürich bereits gut auf Kurs, bei den indirekten Emissionen noch nicht. Letztere liegen aber grösstenteils nicht im direkten Einflussbereich der Stadtverwaltung. Daraus entstand die Idee, mit dem Pilotquartier Netto-Null einen Rahmen zu schaffen, in dem wir neue Klimaschutzmassnahmen gemeinsam erproben und weiterentwickeln können.
Warum wurden für das Pilotprojekt die Binz und Alt-Wiedikon ausgewählt?
Die Binz und Alt-Wiedikon bilden die Vielfalt der Stadt Zürich besonders gut ab. Wohnen, Arbeiten, Bildung und Industrie liegen hier auf engem Raum beieinander. Gleichzeitig finden sich ganz unterschiedliche Gebäudetypen, von Alt- und Neubauten bis hin zu Mehr- und Einfamilienhäusern. Dieser Mix macht das Gebiet zu einer idealen Testumgebung für das Pilotprojekt.
Was erwartet die Stadt Zürich vom Pilotprojekt?
Wir wollen herausfinden, was Menschen dazu motiviert, sich freiwillig für den Klimaschutz zu engagieren. Gleichzeitig bietet das Pilotquartier der Stadtverwaltung die Möglichkeit, bestehende und neue Klimaschutzmassnahmen gezielt zu erproben, miteinander zu verknüpfen und weiterzuentwickeln. Das Projekt ist für uns ein fortlaufender Lernprozess: Wir wollen erkennen, welche Ansätze funktionieren, wo Hürden bestehen und was sich später auf andere Quartiere übertragen lässt.
Woran messen Sie den Erfolg des Projekts?
Das lässt sich nicht an einer einzelnen Kennzahl festmachen. Neben der Frage, wie viel CO₂ eingespart werden kann, betrachten wir auch, welche und wie viele Kooperationen entstehen und welche Erkenntnisse gewonnen werden. Ein übergeordnetes Ziel ist, anhaltende Verhaltensänderungen anzustossen. Diese sind allerdings nur bedingt messbar und entfalten ihre Wirkung teilweise erst zu einem späteren Zeitpunkt. Deshalb berücksichtigen wir bei der Beurteilung sowohl quantitative Ergebnisse als auch qualitative Erkenntnisse.
Wie haben die Anwohnerinnen und Anwohner auf das Pilotprojekt reagiert?
Die bisherigen Reaktionen fallen insgesamt positiv aus. Eine Umfrage mit rund 5000 Quartierbewohnerinnen und -bewohnern hatte eine hohe Rücklaufquote und zeigte, dass die Bevölkerung dem Thema Klimaschutz gegenüber äusserst aufgeschlossen ist. Im Rahmen des Ideenwettbewerbs wurden über 200 Vorschläge eingereicht. Wir arbeiten mit allen Schulen im Projektperimeter zusammen und konnten mit zwölf Unternehmen Absichtserklärungen für mehr Klimaschutz abschliessen. Auch am Pilotquartier-Fest im Juni war eine sehr positive und engagierte Stimmung spürbar. Vereinzelt gibt es auch kritische Stimmen, die den konkreten Nutzen des Projekts hinterfragen. Solche Rückmeldungen gehören zu einem Pilotprojekt und sind für den Lernprozess wichtig.
Was bedeutet netto null für die Bewohnerinnen und Bewohner im Alltag jetzt und in Zukunft?
Netto null soll für die Bewohnerinnen und Bewohner mit der Möglichkeit zur Mitgestaltung und zu klimafreundlichen Alternativen verknüpft sein. Es heisst nicht, dass ihnen bestimmte Verhaltensweisen vorgeschrieben oder Angebote verboten werden. Niemand muss gegen seinen Willen nachhaltiger leben. Kurz- und mittelfristig geht es darum, klimafreundliche Alternativen wie Sharingangebote bekannter und zugänglicher zu machen. Langfristig möchten wir herausfinden, welche Angebote und Rahmenbedingungen Menschen dazu motivieren, aus eigener Überzeugung einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.
Welche Lebensbereiche gehen oft vergessen, wenn es um Klimaschutz geht?
Unserer Erfahrung nach ist es weniger ein Vergessen, sondern eher so, dass einzelne Bereiche in ihrer Klimawirkung falsch eingeschätzt werden. So wird beispielsweise die Bedeutung von Lebensmittelverpackungen häufig überschätzt, obwohl die Herstellung der Lebensmittel und insbesondere Food-Waste deutlich stärker ins Gewicht fallen. Zudem fehlt nicht selten das Bewusstsein für den Unterschied zwischen direkten und indirekten Emissionen. Treibhausgasemissionen haben auch dann eine Klimawirkung, wenn sie ausserhalb der Stadtgrenzen entstehen, zum Beispiel durch unser Konsum- oder Mobilitätsverhalten. Und sie machen im Vergleich zu den direkten Emissionen über 80 Prozent der Gesamtemissionen aus. Dafür möchten wir mit dem Pilotprojekt weiter sensibilisieren.
Welche Meilensteine haben Sie und das gesamte Projektteam bereits erreicht?
Für mich war 2025 der Start des Pilotprojekts im Quartier nach der langen Vorbereitungszeit ein besonderer Meilenstein. Seither zeigt sich, dass der partizipative Ansatz funktioniert und sich die Bevölkerung aktiv einbringt. Bereits die Umfrage vor dem Projektstart verdeutlichte, wie wichtig das Thema Klimaschutz im Quartier ist und dass viele Bewohnerinnen und Bewohner sich eine direkte Kontaktaufnahme im Rahmen des Projekts wünschen. Die rund 230 eingereichten Ideen haben dieses Interesse nochmals eindrücklich bestätigt. Ein weiterer Höhepunkt war das Pilotquartier-Fest im Juni, an dem wir die ausgewählten Ideen aus dem Wettbewerb vorgestellt und das Engagement der Bevölkerung gefeiert haben. Ein Konzert der Kantonsschule Wiedikon, ein Velokino zum ersten WM-Spiel der Schweizer Nationalmannschaft und Angebote lokaler Gastronomiebetriebe sorgten für eine lebendige Atmosphäre.
Gibt es Aspekte, die nicht wie geplant funktionieren? Und wie gehen Sie damit um?
Bei der Einbindung der Unternehmen im Pilotquartier sehen wir noch Verbesserungspotenzial. Wir möchten deshalb in den kommenden Monaten genauer untersuchen, welche Bedürfnisse die lokalen Unternehmen haben und welche Rahmenbedingungen ihr Engagement erleichtern würden. So können wir unsere Angebote und Beteiligungsformate gezielt weiterentwickeln. Ein Pilotprojekt dient gerade auch dazu, solche Herausforderungen frühzeitig zu erkennen, daraus zu lernen und das weitere Vorgehen entsprechend anzupassen.
Wäre das Projekt auf weitere Stadtteile skalierbar?
Grundsätzlich ist es denkbar, erfolgreiche Massnahmen und Instrumente auf weitere Stadtteile zu übertragen. Das Pilotprojekt lässt sich jedoch nicht 1:1 übernehmen, da jedes Quartier einzigartig ist. Entscheidend wird daher sein, die gewonnenen Erkenntnisse auszuwerten und übertragbare Ansätze an die jeweiligen lokalen Bedürfnisse anzupassen.
Was steht als Nächstes an?
Der mobile Klimapunkt ist erneut im Quartier unterwegs, und nach ruhigen Sommerwochen stehen im Herbst wieder spannende Veranstaltungen an: Im September führen wir für Unternehmen im Pilotquartier das Klimaforum durch, und Interessierte können auf einem sogenannten Netto-null-Spaziergang durch das Quartier mehr zum Thema netto null erfahren. Ich freue mich zudem besonders darauf, dass aus den ausgewählten Ideen nun konkrete Projekte entstehen. Wir begleiten die Menschen hinter den Ideen und unterstützen sie bei der Umsetzung. Sehr spannend ist für mich auch die enge Zusammenarbeit mit der Kantonsschule Wiedikon und der Sekundarschule Rebhügel. Kinder und Jugendliche spielen beim Klimaschutz eine wichtige Rolle, weil sie ihr Wissen und ihre Begeisterung mit nach Hause nehmen und damit auch ihre Familien inspirieren. So entstehen langfristige Verhaltensänderungen.