Herr Beschorner*, wenn wir uns die wichtigsten Kennzahlen anschauen: Ist die Schweizer Wirtschaft ökologisch nachhaltig?
Thomas Beschorner: Die Schweiz steht in ökologischer Hinsicht im internationalen Vergleich recht gut da. Eine Forschungsgruppe an der Yale University misst jedes Jahr die ökologische Performance von Ländern weltweit. Die Schweiz belegte 2024 einen guten 9. Platz.
Doch selbst die Schweiz ist auf dem Weg zum 1,5-Grad-Ziel nicht auf Kurs.
Unter den Blinden ist bekanntlich der Einäugige König. Für unsere Wirtschaftsweise in der Schweiz bräuchte es zwei Erden. Jedes Jahr etwa Ende Juli müssten wir in der Schweiz alle Lichter ausschalten, um wirklich nachhaltig zu sein.
Spielt es global gesehen überhaupt eine Rolle, ob die kleine Schweiz auf Kurs ist?
Nach dieser Logik sollten die Leserinnen und Leser ihre Steuerzahlungen in der Schweiz einstellen, denn ihr Steuerbeitrag am Gesamtvolumen des Schweizer Steueraufkommens ist ebenso gering.
An wem liegt es, nachhaltiger zu handeln? Als Beobachter bekommt man das Gefühl, dass sich im Umweltschutz alle gegenseitig die Verantwortung zuschieben.
Ich teile die Beobachtung: Die einen sagen, die Unternehmen seien verantwortlich. Die Unternehmen sagen, es seien die Konsumenten. Die Konsumenten sehen die Schweizer Politik in der Verantwortung. Und diese sagt, die globalen politischen Institutionen müssten handeln. Richtig ist: Es ist eine kollektive Verantwortung. Das bedeutet, dass wir geeignete Dynamiken zwischen den genannten Akteuren für eine nachhaltige Entwicklung gestalten sollten.
Eine Untersuchung der BAK Economics kam 2024 zum Schluss: Strategisch sind Schweizer Unternehmen auf gutem Weg, operativ hinken sie dem aber hinterher. Wie viel dieses guten Willens seitens der Unternehmen ist Greenwashing, wie viel ernsthaftes Bestreben?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Die Relevanz des Themas zu erkennen, ist wichtig, aber natürlich muss der nächste Schritt folgen: die Umsetzung in konkrete Praktiken, und zwar in allen Bereichen des Unternehmens. Der Fokus der genannten Studie liegt ja auf KMUs. Sie sind weiterhin nicht gut zu dem Thema aufgestellt, wenn man zum Beispiel bedenkt, dass es in etwa Dreiviertel der Schweizer KMUs keine verantwortliche Person zum Thema Nachhaltigkeit gibt.
Was ist das wirksamste Mittel, um die Lücke zwischen gutem Willen und effektivem Handeln zu schliessen?
Meine Empfehlung wäre Zuckerbrot und Peitsche. Das Zückerli sind Anreize für Unternehmen zu einem nachhaltigen Wirtschaften, zum Beispiel über Subventionen, Steuererleichterungen oder Bevorzugungen bei Aufträgen durch die öffentliche Hand. Die Peitsche sind spiegelbildlich negative Anreize, beispielsweise durch geeignete Steuern für Waren und Dienstleistungen, die der Nachhaltigkeit abträglich sind.
Laut WWF liegt der ökologische Fussabdruck der Schweizerinnen und Schweizer bei 13,51 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr – also deutlich zu hoch. Der Fussabdruck sinkt dann deutlich, wenn man den Konsum fast komplett einstellt. Es drängt sich die Frage auf: Haben wir einfach zu viel Geld, das wir ausgeben wollen?
Tendenziell ist es so, dass je wohlhabender Länder sind, desto mehr tragen sie zur Zerstörung unseres Planeten bei. Das trifft in der Tendenz auch auf individueller Ebene zu: Hat man genug Geld, kauft man sich eben jedes Jahr ein neues Smartphone oder reist als Superreicher mit dem Privatjet zum Shoppen nach New York.
Wenn mehr Konsum grössere Umweltauswirkung bedeutet: Inwiefern können wirtschaftliches Wachstum und ökologische Nachhaltigkeit überhaupt Hand in Hand gehen?
Ökonomisches Wachstum und ökologische Nachhaltigkeit vertragen sich nicht. Das Gerede vom «Green Growth» erscheint mir lediglich als neoliberal-weichgespülte Beruhigungspille, wie viele andere Slogans im Win-win-Wonderland eines solchen Denkens. Engagement muss nicht wehtun, aber man kann fundamentale Werte nicht aussen vor lassen.
Angenommen, alles würde in der «Circular Economy» produziert: Könnten wir dann weiterhin gleich viel konsumieren?
Niemand hört es gerne, aber wir müssen unsere Konsumgewohnheiten ändern, wenn wir in einer Welt leben wollen, die wirklich nachhaltig ist. Die Idee der «Circular Economy» ist nicht grundsätzlich falsch, aber sie greift die Probleme nicht am Schopf, sondern versucht sich an braven Optimierungen innerhalb des Kapitalismus, ohne dieses System selbst mit einem grundsätzlich anderen Denken zu konfrontieren.
Was ist der grösste Hebel für jede und jeden, um zu einer nachhaltigeren Wirtschaft beizutragen?
Jeder Mensch, jedes Unternehmen, jede Organisation hat eine «Sphere of Influence», um einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung zu leisten. Hier ist es der individuelle Konsum, dort die Tätigkeit als Lehrerin in der Schule und wieder anderswo der Einfluss auf Zulieferbetriebe, auf Kooperationspartner oder auf die Politik. Jede und jeder kann und sollte etwas tun, wenn ihm oder ihr die Zukunft der Welt etwas bedeutet.
Und was tun Sie für diese Zukunft?
Meine bescheidene Aufgabe sehe ich darin, ein paar Sortierarbeiten zu leisten und immer mal wieder allzu zementierte Denkweisen zu hinterfragen. Wenn ich hier und da Menschen zum Denken ausserhalb des Gewohnten anrege, dann mache ich meinen Job. Denn: Es kommt anders, wenn man denkt!
