Corinne Stricker, Sie haben den ersten Zero-Waste-Friseursalon der Schweiz eröffnet. War Ihnen Nachhaltigkeit schon immer wichtig?
Es war ein schleichender Prozess. Ich bin schon lange in diesem Beruf und habe mich in dieser Zeit persönlich verändert. Das Thema Nachhaltigkeit ist immer wichtiger geworden, was dazu führte, dass ich einiges hinterfragte. Ich liebe meinen Job, aber in Sachen Nachhaltigkeit haben mich ein paar Sachen gestört.
Was hat Sie gestört?
In Coiffeursalons dreht sich viel um Produkte und ständig gibt es neue davon. Die Branche hat zwar gemerkt, dass Nachhaltigkeit im Trend ist. So steht vielleicht auf einem Shampoo «vegan» drauf, aber mit echter Nachhaltigkeit hat das oft wenig zu tun. Jedenfalls stiess ich dann auf Juliette Beke in Dresden.
Sie eröffnete den ersten Zero-Waste-Friseursalon Deutschlands.
Ich habe sie im Internet gefunden und fand ihren Ansatz spannend. Ich habe sie besucht, sie hat mir alles gezeigt und ich dachte: Wow, das ist es! Ich war so glücklich, etwas gefunden zu haben, hinter dem ich zu 100 Prozent stehen konnte.
Was haben Sie von ihr gelernt?
Vieles habe ich von ihr übernommen, einige Dinge habe ich ein wenig abgeändert. Sie hat mir zum Beispiel ihren Hersteller der pflanzlichen Farben vermittelt. Damals musste ich auch eine Entscheidung treffen: Denn mit Pflanzenfarben kann man Haare nicht aufhellen.
Das heisst, Sie bieten keine Blondierungen an?
Nein. Das war eine schwierige Entscheidung. Ich hatte viele blonde Kundinnen. Auf weissem Haar ist es jedoch noch immer möglich, mit Pflanzenfarbe blond zu färben. Ansonsten biete ich dieselben Dienstleistungen an wie andere Coiffeure: Haarfarben, Haarschnitte, Pflegerituale.
Was sind denn die wichtigsten Bereiche, in denen Sie anders arbeiten als herkömmliche Friseursalons?
Der grösste Unterschied ist, dass ich keine Verpackungen habe und meine Pflegestyling-Produkte selbst herstelle. Mein Shampoo stelle ich mit Natron her, das ich mit Wasser mische. Für Pflegeprodukte nutze ich zum Beispiel Kamillentee und für Stylingprodukte beispielsweise Leinsamen. Die Pflanzenfarben kommen im Papiersack, und auch die mische ich mit heissem Wasser an, ganz ohne Abfall. Auch bei den Getränken achte ich darauf, mache zum Beispiel meine eigene Pflanzenmilch.
Haben Sie also Lösungen für alles gefunden, was Sie früher gestört hat?
Ja, zum Glück. Es hilft natürlich, dass wir hier in Zürich sind, wo vieles unverpackt erhältlich ist.
Was passiert eigentlich mit den abgeschnittenen Haaren? Die könnte man schliesslich auch als Abfall bezeichnen.
Da gibt es eine sehr gute Lösung, die ich von meinem früheren Arbeitgeber kannte. Die Schweizer Firma Recup'Hair sammelt die Haare regelmässig bei den Salons ein und recycelt sie zu Matten, die eingesetzt werden, um bei Verschmutzungen in der Natur Öl aufzunehmen.
Ihren Salon gibt es nun seit knapp sechs Monaten. Haben Sie eigentlich eine bestimmte Art von Kundschaft?
Es kommt jetzt niemand, der oder die noch nie von Nachhaltigkeit gehört hat. Aber die Gründe sind unterschiedlich. Es sind drei Themen, die meine Kundschaft beschäftigen: Entweder wollen sie vegan, Zero Waste oder keine Chemie auf dem Kopf.
So wie Sie bei Juliette Beke zu Besuch waren, ist es ja möglich, dass sich auch Schweizer Salons von Ihrem Konzept inspirieren lassen wollen. Welche Tipps würden Sie ihnen geben?
Es beginnt bei den kleinen Dingen. Ich habe immer wieder gesehen, dass Abfall beispielsweise nicht getrennt wird. Auch Einwegplastik lässt sich so einfach vermeiden. Seit Corona haben sich Wegwerf-Plastikumhänge etabliert, die eigentlich unnötig wären. Ich fände es super, wenn sich andere Salons entschliessen würden, sich mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen. Die Umstellung ist gar nicht so gross, wie man meinen könnte. Der Job an sich bleibt ja derselbe.
