Dass Sprache Wirklichkeit schafft, ist nichts Neues. Nehmen wir zum Beispiel das Wort «Waldbaden». Der Begriff ist im deutschsprachigen Raum noch nicht besonders lange bekannt. Früher ging man einfach in den Wald und machte dort einen Spaziergang. Heute geht man «waldbaden». Und macht es nicht einen Unterschied, ob du im Wald spazieren oder ob du bewusst waldbaden gehst? Es verändert sich also nicht nur der Begriff, sondern auch die Erfahrung: Beim Waldbaden nimmst du vielleicht die Gerüche und Geräusche bewusster wahr, während du beim herkömmlichen Spazieren unachtsam durch den Wald gestapft wärst.
Die Sprache macht also etwas mit unseren Erfahrungen. Und deshalb kann es nicht schaden, ein paar neue Begriffe dazuzulernen. Würdest du dich zum Beispiel als «biophil» bezeichnen? Ab heute vielleicht schon.
1. Biophilie
Der Begriff wurde durch den Psychoanalytiker Erich Fromm bekannt. Nach ihm ist die Biophilie die «leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen». Dabei kann es sich um Menschen handeln, aber auch um Pflanzen, Bäume oder Tiere. Die Biophilie, so Fromm, sei den Menschen angeboren – und damit auch der Wunsch, sich mit der Natur verbunden zu fühlen und diese Verbindung in das eigene Leben zu integrieren.
2. Shinrin-yoku / Waldbaden
Vielleicht kennst du den deutschsprachigen Begriff bereits. Laut Duden bedeutet das Verb waldbaden: «sich bewusst mit dem Ziel der Entspannung und Meditation im Wald aufhalten.» Shinrin-yoku ist das japanische Pendant zum Waldbaden und heisst so viel wie «ein Bad in der Atmosphäre des Waldes zu nehmen». Mehrere Studien belegen, dass das Waldbaden tatsächlich eine positive Wirkung auf Körper und Psyche hat. Und in manchen Ländern ist die Waldtherapie als Therapieform anerkannt.
3. Waldeinsamkeit
Zum Waldbaden passt auch gut der Begriff Waldeinsamkeit, der im Deutschen heutzutage wenig geläufig ist. Aber es gibt ihn. Laut Duden bedeutet Waldeinsamkeit: die «Abgeschiedenheit des Waldes». Die Existenz des Wortes zeigt auch, dass die Abgeschiedenheit im Wald gefühlt eine andere ist als jene an anderen Orten. Vielleicht ist es unter anderem auch der Waldeinsamkeit geschuldet, dass Waldbaden eine solch besondere Erfahrung sein kann?
4. Petrichor
Kennst du den Geruch, der entsteht, wenn Regen auf die trockene Erde fällt? Es ist ein Duft, den viele lieben – und der tatsächlich einen Namen hat: Petrichor. Und er entsteht nicht einfach so, sondern aufgrund von Mikroben im Boden, die ihn freisetzen, der Regen die Erde berührt. Wenn du also das nächste Mal zum Waldbaden gehst und es beginnt zu regnen, dann kannst du ab sofort benennen, was du riechst: «Hmmm, Petrichor.»
5. Psithurism
Dieses Wort beschreibt ein Geräusch, das wir alle kennen: Das Rascheln der Blätter, wenn der Wind durch die Bäume zieht. Im Englischen ist kein ganzer Satz nötig, um diese bestimmte Art von Rauschen zu beschreiben, denn es reicht lediglich ein Wort: psithurism.
6. Dark Sky Place
Weil der deutsche Begriff etwas unschön tönt, hat man sich wohl international auf die englische Begrifflichkeit geeinigt. «Dark Sky Place» ist auch im Deutschen geläufig und bedeutet soviel wie: lichtverschmutzungsfreier Ort. Weil die Zivilisation und damit die Lichtverschmutzung zunimmt, werden Orte, die nachts wenig bis gar kein Licht absondern und damit einen klaren Blick auf die Sterne ermöglichen, immer besonderer. Kein Wunder, hat auch die Tourismusbranche diese Orte im Blick: «Noctourismus» ist im Trend – und bezeichnet den Tourismus an solche Dark Sky Places.
7. Solastalgie
Ein neuer Begriff für eine neue Erfahrung: «Solastalgie» wurde 2005 durch den Naturphilosophen Glenn Albrecht geprägt und beschreibt laut dem Institut für Klimapsychologie die «Trauer und das Gefühl des Verlorenseins gemeint, das aufkommen kann, wenn man erlebt, wie sich die eigene Heimat aufgrund des Klimawandels verändert. Manchmal sind auch Emotionen wie Wut und Angst mit der Solastalgie verbunden.» Die Solastalgie – medial auch oft Klima-Angst genannt – ist ein ernstzunehmendes Phänomen: Im Zuge einer internationalen Umfrage bei 10’000 jungen Menschen gaben 84 Prozent der Befragten an, sich über den Klimawandel zu sorgen, 59 Prozent waren sehr oder extrem besorgt. Über die Hälfte fühlte sich traurig, ängstlich, wütend, machtlos, hilflos oder schuldig. Rund 45 Prozent berichteten, dass ihre Gefühle zum Klimawandel ihren Alltag negativ beeinflussen.
