Nachhaltigkeit gewinnt in der Modebranche zunehmend an Bedeutung. Im Rahmen des Upcycling-Trends findet auch Fischleder immer häufiger Verwendung, wobei besonders oft Lachs zum Einsatz kommt.
Der Lachs gehört zu den beliebtesten Speisefischen in Europa, auch in der Schweiz. Bei der Produktion von Räucherlachs für Brunch-Buffets, Sandwiches und Sushi landen je nach Quelle 30 bis 40 Prozent des Fisches im Abfall – darunter neben Gräten und Kopf auch die Lachshaut. «Die Haut wird oft weggeworfen oder mit geringem Gewinn verkauft, zum Beispiel für Fischöl oder Biodiesel», sagt Isabelle Taylor, eine britische Modedesignerin und Gründerin des Labels Skinned Potential.
Indigene als Inspiration
Inspiriert von den indigenen Völkern der Hezhen und Nivkh in China und Sibirien, die seit Jahrhunderten Fischhäute tragen, hat Taylor eine Methode entwickelt, diese Häute für ihre futuristische Mode zu verwenden. Dazu erhält sie die Lachsabfälle einer lokalen Lachsproduktion. Zunächst befreit sie die Häute von Schuppen und Fleischresten. Dann reinigt sie sie gründlich und sorgt mit speziellen pflanzlichen Gerbstoffen dafür, dass das Material geschmeidig und haltbar wird. Zum Schluss wird das Leder je nach Bedarf gefärbt oder geprägt. Das Endprodukt erinnert an exotische Lederarten wie Reptilienleder.
Anders als bei anderen Speisefischen ist die besondere Struktur der Lachshaut oft sogar reissfester als herkömmliches Leder. «Eine Lachshaut, die so dick ist wie eine Kuhhaut, ist um ein Vielfaches widerstandsfähiger», sagt Taylor. Lachshaut sei von Natur aus extrem robust und mit der Hand nicht zu zerreissen.
Umstrittenes Upcycling
Ein wesentlicher Vorteil von Fischleder ist seine Umweltfreundlichkeit. Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) fallen allein nach dem Fang weltweit jährlich 20 bis 30 Millionen Tonnen Fischabfälle an. Die Wiederverwertung eines Teils dieser Nebenprodukte zu Leder trägt zur Abfallvermeidung bei.
Doch wie nachhaltig kann es sein, ein tierisches Produkt zu verwenden? «Das kann umstritten sein, weil die Leute denken, dass die Verwendung von Nebenprodukten einen Anreiz schafft, mehr Tiere zu töten», sagt Taylor. Aber wenn es plötzlich keine Lachshäute mehr als Abfallprodukt der Lebensmittelproduktion gäbe, würden Taylor und andere Produzenten keine Tiere zusätzlich töten.
Gucci & Co. mit an Bord
«Wir verwenden nur Häute von Fischen, die gegessen werden», sagt auch Benjamin Malatrait, Mitgründer von Ictyos. Malatraits französisches Unternehmen produziert Fischleder aus Lachs, Forellen und Seewölfen für diverse kleine Modelabels – aber auch für grosse Namen wie Alexander McQueen. Neben dem britischen Luxuslabel haben auch Louis Vuitton, Gucci oder Chanel schon auf Fischleder als Material gesetzt.
Meist wird das Fischleder für kleine Produkte wie dekorative Patches, Handtaschen oder Portemonnaies verwendet. Für die Luxuslabels dürfte das Material aufgrund seiner Struktur noch interessanter geworden sein, seit Tierschützer immer heftiger gegen Reptilienleder protestieren. So verabschiedete sich Gucci 2017 von Schlangen- und Krokodilleder und brauchte eine Alternative.
Kein fischiger Geruch mehr
Isabelle Taylor will mit den experimentellen Designs von Skinned Potential den grossen Marken einen Schritt voraus sein: Sie will das Fischleder nicht nur für kleine Produkte verwenden, sondern sich auf grosse Stücke konzentrieren. Dafür legt sie die gegerbten Fischhäute beim Trocknen übereinander, wodurch diese zusammenkleben. «Ich muss sie gar nicht nähen», sagt Taylor.
Was trotz der ausgefallenen Designs ihres Labels für die Idee spricht, Fischleder auch für grössere Kleidungsstücke zu verwenden: Den Fischgeruch, der dem Fischleder lange anhaftete, sind die Produzenten inzwischen losgeworden.
Weitere Informationen:
Isabelle Taylor erklärt die Idee hinter Skinned Potential.
Benjamin Malatrait von Ictyos über Fischhäute in der Mode.
