Seit über 100 Jahren besteht der Schweizerische Nationalpark an einem der äussersten Zipfel der Schweiz, im Engadin, an Italien grenzend. Hier wird die Natur geschützt wie kaum anderswo in den Alpen. Nur eine einzige Hütte zeugt von der Gegenwart der Menschen. Und in dieser Hütte wird Nachhaltigkeit seit dem Umbau 2021 besonders grossgeschrieben.
Ein Ausflug in den Schweizerischen Nationalpark ist kein typischer Wandertrip. Einige Dinge funktionieren hier anders aufgrund der Naturschutzbestimmungen. Das mag vielleicht ungewohnt sein, hat aber auch viele Vorteile für die Besucherinnen und Besucher.
Der Natur ihren Lauf lassen
Was wir in der Schweiz gemeinhin als Natur verstehen, ist oft eine kuratierte Version von Natur: Die Wälder sind aufgeräumt. Die Wiesen gemäht. Kaum eine Fläche, die keine Funktion hat. Im Nationalpark hingegen dürfen Tiere und Pflanzen ganz ohne menschliche Eingriffe leben. Und die Menschen erfahren, wie Wälder aussehen, wenn sie sich nicht einmischen. Auffallend im Nationalpark ist beispielsweise das viele Totholz. Ein in der Schweiz ungewöhnlicher Anblick, jedoch eine normale Erscheinung in natürlichen Wäldern. Im Winter ist der Nationalpark komplett geschlossen.
Wandern nur auf den Wegen
Im Schweizerischen Nationalpark dürfen die Wanderwege nicht verlassen werden. Auch nicht, um sich beispielsweise am Fluss abzukühlen. Das mag gewöhnungsbedürftig sein, hat jedoch auch schöne Seiten: Die Murmeli, die sich ganz selbstverständlich und angstbefreit in Wegnähe aufhalten, weil sie wissen, dass die Menschen nicht von den Wegen abweichen. Das Wissen, dass die Natur um einen herum wahrhaftig unberührt ist, macht den Ausflug in den Nationalpark zu etwas ganz Besonderem.
Salat sucht Mitwandergelegenheit
Wer über die Route 7 in den Nationalpark hineinwandert, wird gleich zu Beginn an einem Kühlschrank vorbeikommen. Hier platzieren Lieferanten Waren für die einzige Hütte im Nationalpark. Um Transportflüge im Sinne der Nachhaltigkeit zu minimieren, bitten die Hüttenwarte darum, einzelne Waren mit auf die Wanderung zu nehmen. Natürlich nur, wenn noch Platz im Rucksack vorhanden ist. Eine clevere Idee, um Ressourcen zu schonen.
Digital Detox
Nach einer guten Wanderstunde kehrt nicht nur im Wald Ruhe ein, sondern auch auf den Geräten. Im Schweizerischen Nationalpark gibt es keinen Empfang. Mit dem Resultat, dass die Menschen, angekommen auf der Chamanna Cluozza, miteinander sprechen, stundenlang durch die Ferngläser gucken, Spiele spielen und Bücher lesen.
Eine autarke Hütte
Seit dem Umbau 2021 wird die Chamanna Cluozza so nachhaltig wie möglich betrieben. Das heisst auch, dass die Hütte autark funktioniert: Die Energie kommt vom eigenen Kleinstwasserkraftwerk. Das Abwasser wird mittels Wurmkompost und pflanzlicher Klärung gereinigt. Duschen gibt es keine, dafür aber Waschgelegenheiten. Übernachtet wird in Zimmern oder im Matratzenlager.
Verpflegung von Fleisch bis vegan
Die Nachhaltigkeitsstrategie der Chamanna Cluozza hört nicht bei der Infrastruktur auf. Auch bei der Verpflegung wird Wert darauf gelegt. Die Produkte stammen aus der Region und sind auf der Speisekarte ausgewiesen. Und sogar vegetarische und vegane Gäste kommen auf ihre Kosten, was in den Schweizer Bergen oft nicht selbstverständlich ist. Am Tag des Besuchs gab es zum Znacht Risotto: pro Tisch eines mit Fleisch und ein vegetarisches – und auf Wunsch auch ein veganes. Auch das Lunchpaket für den nächsten Wandertag kann vegetarisch oder vegan bestellt werden.
Eine freie Tierwelt
Von der Terrasse der Chamanna Cluozza aus lassen sich durch die Ferngläser Steinböcke, Hirsche und Gämse entdecken. Bunte Schmetterlinge flattern überall umher. Viele Besucherinnen und Besucher machen von der Chamanna Cluozza aus Tagesausflüge in die Tiefen des Nationalparks. Andere müssen zurück in die Zivilisation und wählen dafür die Route 8 über den Murtersattel. Über der Baumgrenze tummeln sich Dutzende Murmeli. Und wer gute Ferngläser dabei hat, entdeckt sogar uralte Dinosaurierspuren.
