Das Thema Plastik bewegt die Schweiz: Einerseits gehört die Schweizer Bevölkerung zu den europäischen Spitzenreitern beim Plastikverbrauch. Andererseits versuchen Start-ups hierzulande, Plastik durch natürliche Produkte zu ersetzen, um die Umweltbelastung zu reduzieren.
Bio-Gurke in Plastik
Auch die Migros will weiter weg vom Plastik. «Wir verdoppeln 2019 den Anteil von unverpackten Bio-Früchten und -Gemüse», teilte der orange Riese bereits vor Corona mit. «Ein weiterer Schritt, Plastikverpackungen einzusparen.» Doch trotz der angekündigten Plastikeinsparungen sind viele Bio-Gemüse wie Brokkoli, Salate oder Gurken beim Detailhändler immer noch in Plastik verpackt.
Das erhitzt die Gemüter: «Die Mehrheit der Kunden ist mit der Frische und dem knackigen Biss der Gurken zufrieden», fasst eine künstliche Intelligenz die Bewertungen der Bio-Gurke auf der Migros-Plattform Migipedia zusammen. Und weiter: «Ein wiederkehrendes Thema ist die Kritik an der Plastikverpackung, besonders bei Bio-Gurken.»
Plastik: «Ökologisch sinnvolle Lösung»
Warum setzt die Migros trotz Bio weiterhin auf Plastikverpackungen? «Die verpackte Gurke ist aus ökologischer Sicht eine sinnvolle Lösung», sagt Hanna Krayer von der Nachhaltigkeitsabteilung der Migros der NZZ. In einem Beitrag auf der Website des Detailhändlers wird ergänzt: «Nicht immer ist Karton die umweltfreundlichste Verpackung.» Es werden Beispiele aufgezählt, wo Kunststoff als Verpackung umweltfreundlicher sein kann: Reis, Chips, Gemüse.
«Je höher der Wassergehalt einer Gemüsesorte, desto mehr verlängert die richtige Plastikverpackung die Haltbarkeit», heisst es dort als Faustregel. So würden unverpackte Gurken je nach Transportdistanz allein vom Feld bis zum Laden bis zu achtmal mehr Lebensmittelabfälle verursachen als verpackte, weil sie gummig und damit unverkäuflich werden. «Über den Daumen gepeilt sprechen wir von drei Tagen Haltbarkeit ohne Folie gegenüber 15 Tagen mit Folie», konkretisiert Krayer.
Schweizer Gurken ohne Plastik
Migros-Sprecherin Estelle Hain ergänzt auf Anfrage von 20 Minuten: Wo immer möglich, werde auf Verpackungen verzichtet. So würden inländische Gurken unverpackt angeboten – und importierte Gurken wegen des längeren Transportweges in Plastikfolie verkauft. «Ohne entsprechende Verpackung würde sich die Umweltbelastung durch den vorzeitigen Verderb der Produkte deutlich erhöhen.» Dabei würden Verpackungen nur zwei Prozent der Umweltbelastung im Lebensmittelbereich ausmachen. Produktion, Verarbeitung oder Transport der Lebensmittel belasteten die Umwelt viel stärker.
Die Migros gibt ihren Kundinnen und Kunden eine weitere Faustregel mit auf den Weg: «Je leichter eine Verpackung ist oder je öfter man sie verwenden oder rezyklieren kann, desto umweltschonender ist sie.» Um das Recycling von Kunststoffen zu fördern, bietet sie einen Plastik-Sammelsack an. Plastiksäcke, -schalen oder -flaschen können so in ausgewählten Filialen zurückgegeben werden. Der recycelte Kunststoff wird dann zum Beispiel zu Glaceverpackungen verarbeitet. Die Konkurrenz setzt auf ein ähnliches System: Auch Coop bietet in einzelnen Filialen eine Kunststoffsammlung an.
«Problem ist der Konsum»
Rainer Bunge, Professor für Umwelt- und Verfahrenstechnik an der Fachhochschule Ostschweiz, hält generell nicht viel vom Plastik-Bashing: «Das Problem ist nicht Plastik, sondern der Konsum.» Gegenüber der «SonntagsZeitung» konkretisiert er: «Man befreit sich von seinen ökologischen Sünden, indem man auf Strohhalme, Einwegbesteck und Wattestäbchen aus Plastik verzichtet.» Auf die Bratwurst oder den Flug nach Mallorca wolle man aber nicht verzichten, obwohl das viel mehr bringe. Ein Grillsteak weniger zu essen, bringe etwa so viel, wie ein Jahr lang Plastik zu recyceln. Plastik einzusparen kann also ein Schritt in die richtige Richtung sein – die Lösung ist es noch nicht.
