Schon vor zehn Jahren hatte der Biobauer und Projektpionier Heinz Schmid die erste Idee zur Nutzung von Solarstrom für den Anbau von Beeren. 2022 wurde eine Vorabklärung beim Kanton für drei Teilprojekte eingereicht. Im Juli 2022 ermöglichte der Bundesrat überraschend Agri-Photovoltaik im Raumplanungsgesetz und 2023 wurde dann auch schon gebaut. Ab Jahresmitte konnte erstmals Strom eingespeist werden. Die Anlage ist schweizweit die erste so grosse, die über einer Fruchtanbaufläche installiert wurde.
Drei PV-Systeme im Vergleich
In der 7200 Quadratmeter grossen Agri-Photovoltaik-Pilotanlage hat Biobeerenbauer Schmid eine Leistung von insgesamt 500 Kilowatt (kW) Solarstrom installiert. Zum Vergleich: Eine durchschnittliche Solaranlage auf einem Einfamilienhaus erreicht etwa 10 kW. Hier werden in den nächsten drei Jahren drei verschiedene Agri-Photovoltaik-Systeme über einer Himbeeranlage von «Agroscope» erforscht. Der Fokus liegt dabei auf den Kennzahlen Ertrag, Fruchtgewicht und Fruchtqualität der Himbeeren. Denn alle Projektpartner sind sich einig: Die Produktion von Himbeeren in hoher Qualität muss im Vordergrund stehen.
Um herauszufinden, welches PV-System für die Beeren am besten funktioniert, werden drei unterschiedliche getestet und untersucht: Die Eigenentwicklung Agroverti der «Oberfeld Energie GmbH». Sie zeichnet sich durch vertikal angebrachte Module auf einem verstärkten Holzgerüst aus. Das System vom Schweizer Startup «Insolight» steht auf einem Metallgerüst und verfügt über eine dynamische Schattierung. Das dritte Konstrukt stammt von der Solarfirma «Megasol» und punktet mit schwenkbaren Modulen. Der Vergleich der Systeme soll wertvolle Erkenntnisse für die Etablierung der Agri-PV in der Schweiz liefern.
Wetterbedingungen als grosse Herausforderung
Laut Heinz Schmid gibt es Hinweise darauf, dass sich das Mikroklima unter den Modulen besser steuern lässt. Insgesamt soll es weniger feucht sein, was zu weniger Pflanzenkrankheiten, niedrigeren Temperaturen und höheren Erträgen führen soll. Mitte Juli teilte der Projektpionier mit: «Wir sind jetzt an der Ernte. Die Forschungsanstalt untersucht verschiedenen Parameter, sodass im Herbst oder Winter erste Tendenzen veröffentlicht werden können.» Allerdings seien die Wetterbedingungen für die Kulturführung der Himbeerpflanze eine grosse Herausforderung.
Viel Potenzial für Agri-Photovoltaik-Anlagen
Für den Luzerner Regierungsrat Fabian Peter heben Projekte wie diese das Potenzial von erneuerbaren Energielösungen hervor - speziell wenn es um Unabhängigkeit, Versorgungssicherheit und die Erreichung der Klimaziele geht. Die Kombination von Energie- und Lebensmittelproduktion sei ideal, auch im Hinblick auf die «Offensive Spezialkulturen». Fest steht, in Europa gibt es bei Agri-Photovoltaik-Anlagen noch viel Potenzial. In anderen Teilen der Welt, zum Beispiel in Japan, ist die Technologie schon weiter verbreitet. Dort werden in über 3500 Anlagen schon 180 verschiedene landwirtschaftliche Kulturen angebaut.
In Österreich leben Hühner zwischen den PV-Anlagen
Währenddessen errichtet die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) in St. Georgen am Längsee im Bundesland Kärnten ihre erste Agri-Photovoltaikanlage. Konkret soll neben den Bahngleisen eine Anlage entstehen, die ökologischen Strom liefert und gleichzeitig Tieren Schatten bietet. 6000 Hühner und 60 Schafe sollen dort wiesen. Zusätzlich ist geplant, Bäume und Blühstreifen zur Förderung der Biodiversität zu pflanzen. Die sechs Hektar grosse Anlage soll bis Ende des Jahres 2024 fertiggestellt werden und einen Jahres-Energieertrag von 15 GWh liefern. Das entspräche 3800 Railjet-Fahrten von Wien nach Salzburg. Den Strom möchte man direkt ins Bahnnetz einspeisen, was wiederum zur Erreichung der Klimaziele der ÖBB beitragen soll. Das übergeordnete Ziel lautet, bis 2030 den Eigenversorgungsgrad mit grünem Bahnstrom auf 80 Prozent zu steigern.
