Sobald die Temperaturen steigen, wird in der Schweiz wieder gebrutzelt: Ob zu Hause, am See oder im Park – überall landen Würste, Steaks und Gemüse auf dem Grill. Laut Digitec sind derzeit vor allem Holzkohlegrills gefragt.
Dr. Franziska Stöffel ist Expertin für Ökobilanzen in der Lebensmittelproduktion. Im Interview erklärt die wissenschaftliche Mitarbeiterin der ZHAW in Wädenswil, wie man möglichst nachhaltig grilliert – und ob der Holzkohlegrill eine gute Wahl ist.
Frau Stöffel, stellen Sie sich vor: Jemand lädt seine Freunde zum Grillieren ein. Die Diskussion kommt auf: Wie kann das Grillfest möglichst nachhaltig gestaltet werden?
Das Einfachste, was ich sagen kann: Bitte mit dem Velo, öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuss kommen und die Hälfte des Fleisches mit Gemüse ersetzen. Grob kann man sagen, dass Ernährung, Wohnen und Mobilität je 30 Prozent der Umweltbelastung im Privatleben ausmachen. Neben der Anreise ist aber auch die Art des Einkaufens wichtig.
Was meinen Sie damit?
Man sollte nicht für jeden Einkauf ins Auto steigen. Die Art und Weise, wie man einkauft, ist wichtig, wenn es um die Umweltauswirkungen von Lebensmitteln geht. Die Mobilität kann die Entscheidung, was ich einkaufe, zum Teil sogar überschatten. Es kommt aber immer darauf an, wie viel und wie oft ich einkaufe – kaufe ich am Morgen das Gipfeli mit dem Auto ein oder den Monatseinkauf.
Für das Grillfest ist es am besten, mit dem Velo, zu Fuss oder dem ÖV einkaufen zu gehen – und falls mit dem Auto eingekauft wird, dass eine Person für alle einkauft.
Genau. Die Überlegung dahinter ist relativ einfach: Wenn ich zwei Tonnen Blech bewege, brauche ich mehr Energie als für eine Tonne oder 15 Kilo. Und je weniger Energie ich verbrauche, desto besser für die Umwelt. Da gewinnt das Velo ganz klar gegenüber dem SUV – egal, wie weit die Strecke ist und wie viele Personen im SUV sitzen.
So viel zur Mobilität. Welche Rolle spielt es, was auf den Grill kommt?
Es ist wichtig, in vernünftigen Mengen einzukaufen. Ein Drittel aller Lebensmittel landet im Müll – und wie gesagt, die Ernährung macht 30 Prozent unserer Umweltbelastung aus. Das könnte man dementsprechend leicht reduzieren.
Als Gastgeber oder Gastgeberin serviert man lieber zu viel als zu wenig. Wie geht man damit um?
Viele Reste lassen sich einfrieren, auch rohes Fleisch. Oder man macht es wie bei unseren Retraiten: Jeder bringt ein Tupperware mit. Was übrig bleibt, können die Gäste mit nach Hause nehmen.
Sie sprechen das Fleisch an. Welchen Einfluss hat es auf die Nachhaltigkeit des Grillfests?
Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte machen fast die Hälfte der Klimabilanz unserer Ernährung aus. Eine Studie aus dem Jahr 2012 zeigt, dass die Ernährung der Schweizerinnen und Schweizer zu rund sieben Prozent aus Fleisch und Fisch besteht, Fleisch und Fisch aber rund 26 Prozent der Klimabilanz ausmachen. Deutlich besser schneidet Gemüse ab. Neben der Klimabilanz spielen aber auch Faktoren wie der Wasserverbrauch eine Rolle.
Gemüse ist also besser als Fleisch. Was ist mit Fleischersatzprodukten?
Diese sind aus ökologischer Sicht oft besser. Eine Studie aus dem Jahr 2015 zeigt, dass Tofu bezüglich der Klimabilanz am besten abschneidet, gefolgt von Produkten auf Insektenbasis, Seitan und Quorn. Fleisch aus dem Labor schneidet derzeit noch nicht gut ab. Vereinfacht gesagt: Je mehr die Produkte verarbeitet sind, desto mehr Energie verbrauchen sie.
Gibt es bestimmte Fleischarten, die schlechter sind als andere?
Poulet schneidet bei der Umweltbelastung vergleichsweise gut ab – besser als Rind und Schwein und besser als Laborfleisch. Allerdings werden bei solchen Berechnungen Faktoren wie das Tierwohl nicht berücksichtigt.
Welche Rolle spielt es, lokal einzukaufen?
Das kann man nicht pauschal sagen. Sobald etwas mit dem Flugzeug transportiert wird, steigt die Umweltbelastung enorm. Aber wenn man zum Beispiel Mangos und Erdbeeren vergleicht, dann schneidet eine Mango, die per Schiff aus Brasilien importiert wird, besser ab als eine Erdbeere, die nicht saisonal im geheizten Gewächshaus angebaut wird. Saisonal einkaufen ist also fast wichtiger als regional einkaufen – am besten aber beides.
Und beim Fleisch?
Beim Fleisch ist es wahrscheinlich relevanter, ob es aus intensiver Mast stammt oder nicht. Hier würde ich mich auf das Schweizer Label «Eaternity» verlassen. Dieses berücksichtigt verschiedene Faktoren wie Tierwohl und Nachhaltigkeit.
Zurück zum Grill. Spielt es eine Rolle, wie der Grill betrieben wird? Beim Verbrennen von Kohle entsteht viel Rauch.
Der Grill macht nur einen kleinen Teil der gesamten Umweltbelastung einer Grillparty aus. Dennoch kann man sagen: Ein Elektrogrill mit Ökostrom ist besser als ein Gasgrill mit Biogas ist besser als ein Holzkohlegrill. Ein Einweggrill sollte es auf keinen Fall sein.
Schaut man über den Grill hinaus, könnte man einwenden: Was macht so ein Grillfest aus, wenn das Haus daneben unendlich viel Energie verbraucht?
Der jährliche Energieverbrauch des Wohnens lässt sich natürlich nicht mit dem eines einmaligen Grillfestes vergleichen – wohl aber mit der Ernährung eines Jahres. Beim Wohnen ist entscheidend: Wie gross ist die beheizte Fläche, wie und wie stark wird diese beheizt – mit oder ohne fossile Energie? Generell ist es auch wichtig, Haushaltsgeräte länger zu nutzen.
Also: Lieber den alten Kühlschrank behalten, als einen neuen zu kaufen?
Studien zeigen: Bei Waschmaschinen und Kühlschränken kann es sich lohnen, ein neueres, energieeffizienteres Gerät zu kaufen. Anders sieht es bei Laptops, Fernsehern und Smartphones aus. Erstere verbrauchen im Betrieb mehr Energie, letztere bei der Herstellung und Entsorgung. Das setzt voraus, dass man die neue Waschmaschine oder den neuen Kühlschrank ähnlich nutzt – also zum Beispiel einen gleich grossen Kühlschrank kauft.
