Ein Online-Meeting, ein Netflix-Abend, eine Chat-GPT-Anfrage: Alles, was wir online tun, produziert früher oder später Daten in einem Rechenzentrum. Die Schweiz beherbergt rund 120 solcher Zentren und damit so viele pro Kopf wie kaum ein anderes Land.
Das macht vielen Angst: Mehr als jeder Zweite gibt in einer repräsentativen Umfrage von Algorithm Watch CH an, sich wegen deren Energie- und Wasserverbrauch zu sorgen.
Auch Matthias Haymoz kennt diese Umfrage. Er arbeitet bei der Swiss Datacenter Efficiency Association (SDEA), einem Konsortium aus Hochschulen und Industrie, das besonders effiziente Rechenzentren zertifiziert. Haymoz sagt: «In der Schweiz sind solche Ängste diffus.» Der grosse KI-Boom, bei dem gigantische neue Modelle trainiert werden, ziehe am Land vorbei.
Seine Sicht stützt er auf eine Studie des Bundes. Diese zeigt, dass rund 3,6 Prozent des Schweizer Stromverbrauchs auf das Konto der Rechenzentren gehen. Seit 2019 sei deren Verbrauch um knapp 20 Prozent gestiegen – eine «moderate» Zunahme, wie der Bund betont.
Umstrittene Studiengrundlage
«Die Schweiz ist ein sehr guter Standort für nachhaltige und effiziente Rechenzentren», findet Haymoz daher. Der verbrauchte Strom stamme aus CO2-armen Quellen, und die Wasserversorgung sei nicht gefährdet. Trotzdem sagt auch er: «Es gibt Verbesserungspotenzial.» Rund 38 Prozent des Stroms könnten Rechenzentren gemäss Bund einsparen, wenn sie effizienter betrieben würden.
Angela Müller ist skeptischer. «Es ist gut, dass es solche Studien gibt», sagt die Geschäftsleiterin der NGO Algorithm Watch CH. Doch es sei fraglich, wie verlässlich die Zahlen seien. Immer wieder müsse die Studie auf Schätzungen zurückgreifen, weil die Betreiber der Rechenzentren keine Daten herausgäben. «Das ist zu wenig, um als Basis für politische Entscheide zu dienen», sagt sie.
SDEA misst Realdaten
Algorithm Watch CH selbst hat berechnet, dass fünf bestehende oder geplante Rechenzentren jeweils mehr Strom verbrauchen könnten als die gesamte Stadt Schaffhausen. Darunter ist auch der Campus von Digital Realty in Rümlang.
Dieser hohe absolute Verbrauch schliesst eine hohe Effizienz jedoch nicht aus. Für Matthias Haymoz von der SDEA ist der US-Anbieter sogar ein Vorzeigebeispiel. «Nach unserer Methodik betreiben sie nachweislich das effizienteste Rechenzentrum der Welt», sagt er.
Die SDEA-Kriterien sind dabei strenger als die Branchenstandards: Während der gängige PUE-Wert nur misst, wie viel der Energie direkt in die IT fliesst, berücksichtigt die SDEA zusätzlich die IT-Effizienz, die Abwärmenutzung, den Wasserverbrauch und die Klimafreundlichkeit des Stroms.
Digital Realty hat sich das erste Platinum-Label der SDEA gesichert. «Besonders freut mich», sagt Haymoz, «dass sie zuerst ‹nur› mit Silber zertifiziert wurden, sich aber aus eigenem Antrieb verbessern wollten.»
Branche tut sich schwer mit Transparenz
Andere Betreiber sollten dem Beispiel folgen, findet Haymoz – doch diese sind zurückhaltend. «Es ist schwierig, den Markt von der Zertifizierung zu überzeugen», sagt er. Erst sieben Schweizer Zentren haben eine SDEA-Zertifizierung.
Haymoz bemängelt daher die Intransparenz der Industrie. «Früher waren Rechenzentren einfach da», sagt er. Niemand habe sich für sie interessiert. Heute stünden sie stellvertretend für den KI-Boom. Es sei im Eigeninteresse der Branche, allfällige Sorgen auszuräumen.
Das deckt sich mit der Algorithm-Watch-Umfrage: Vier von fünf Personen in der Schweiz wünschen sich genaue Angaben zum Energieverbrauch der Rechenzentren. Für Angela Müller ist klar: «Die Bevölkerung will mehr Transparenz.»
Doch die Branche ziert sich. In der EU müssen Rechenzentren ihre Energiezahlen offenlegen. Trotzdem folgen dieser Vorgabe nur 36 Prozent aller Betreiber, wobei 20 Prozent der gelieferten Daten unbrauchbar sind.
Warum keine SDEA-Zertifizierung?
Derweil bewerben etliche Betreiber ihre Rechenzentren als effizient und nachhaltig. «Führend in der Energieeffizienz von Datacentern», heisst es etwa bei Green, einem der grössten Schweizer Betreiber. Der CO2-Fussabdruck werde über erneuerbare Energiequellen sowie Freecooling reduziert, zudem solle die Abwärme einzelner Zentren bald als Heizwärme für bis zu 11'500 Haushalte genutzt werden.
«Wir wurden seit 2020 jedes Jahr von der unabhängigen ISG als bester Schweizer Anbieter ausgezeichnet», sagt Mediensprecherin Susanne Felice-Tanner. «Eines der ISG-Kriterien ist die Energieeffizienz.» Zusätzlich habe Green für sein Abwärmeprojekt einen globalen Data Cloud Award gewonnen.
Anders als bei diesen beiden Auszeichnungen erfordert das SDEA-Label jedoch die einjährige Messung von Realdaten vor Ort. «Eine solche Messung ergibt erst Sinn, wenn die Auslastung schon sehr hoch ist», entgegnet Felice-Tanner. Zwei von drei Green-Projekten seien noch nicht abgeschlossen.
Strebt das Unternehmen später eine SDEA-Zertifizierung an? «Das ist auf jeden Fall eine Möglichkeit», sagt die Pressesprecherin.