Die Zahl der angemeldeten Fahrzeuge in der Schweiz hat in den letzten Jahren stark zugenommen. 2023 waren es 6,4 Millionen – ein Anstieg um 41 Prozent seit dem Jahr 2000. Trotz dieser Zunahme rückt in Zürich die nachhaltige Mobilität immer stärker in den Fokus. Besonders in der Innenstadt soll der Verkehr grüner und effizienter werden.
Das Auto verliert zunehmend seine Rolle als Statussymbol, insbesondere bei jüngeren Generationen. Diese Entwicklung zeigt sich in einem neuen Mobilitätsverhalten: Carsharing, Velos, E-Scooter und der öffentliche Verkehr sind auf dem Vormarsch. Zürich hat das Potenzial, zur Vorzeigestadt für nachhaltige Mobilität zu werden. Doch wie kann diese Transformation gelingen?
Thomas Hug, Verkehrsplaner und Mitgründer des Planungs- und Beratungsbüros urbanista.ch, das sich auf nachhaltige Mobilität spezialisiert, gewährt Einblicke in Richtung grüne Verkehrszukunft.
Thomas, du setzt dich stark für nachhaltige Mobilität ein. Fährst du selbst noch Auto, oder wie bist du normalerweise unterwegs?
Thomas Hug: Tatsächlich, ich fahre immer mal wieder Auto. Nachhaltige Mobilität heisst für mich nicht, dass komplett auf das Auto verzichtet werden muss. Stattdessen sollte es nur verwendet werden, wenn keine Alternativen zur Verfügung stehen.
Was bedeutet für dich eine grüne Verkehrszukunft?
Unter der Verkehrswende verstehe ich primär auch die Wahlfreiheit. Viele Menschen sind aufs Auto angewiesen, obwohl sie lieber anders unterwegs wären. Mit sicherer Veloinfrastruktur und attraktivem öffentlichen Verkehr fördern wir diese Wahlfreiheit.
Welche konkreten Projekte oder Massnahmen plant Zürich, um die Verkehrswende voranzutreiben?
Die Stadt Zürich ist schon seit Jahrzehnten ein Vorbild. Kürzlich erzählte mir ein ehemaliger Stadtangestellter, dass sie bereits in den 80er-Jahren in Barcelona Inspiration suchten. Darauf entstanden Plätze wie der Hallwyl- oder Röntgenplatz, die damals noch stark vom Autoverkehr befahren wurden und heute teilweise autofrei sind. Heute orientiert sich die Stadt an den «Superblocks» in Barcelona – Quartiere, die primär als Lebensraum und nicht für Autos genutzt werden.
Was braucht es, um die geplanten Projekte umzusetzen?
Einerseits braucht es den politischen Durchhaltewillen. Oft zeigt sich, dass bei solchen Projekten nach einigen Monaten die Stimmen überhandnehmen, die sich lebenswertere Strassen wünschen. Andererseits braucht es aber auch das zivilgesellschaftliche Engagement, die die neugewonnen Strassenflächen dann nutzen.
Elektroautos werden oft als die Zukunft der Mobilität bezeichnet. Sind sie wirklich so viel besser als Verbrenner, oder gibt es auch hier zu beachtende Herausforderungen?
Elektroautos können die Zukunft des Autos sein, aber sie sind nicht die Zukunft der Mobilität. Mobilität muss breiter gedacht werden – da bringt das Elektroauto einige Probleme mit sich, die auch die Verbrenner haben: Gefahr für schwächere Verkehrsteilnehmende, Lärm, Flächenineffizienz.
Trotzdem lässt sich sagen, wer heute noch auf ein eigenes Auto angewiesen ist, kauft sich besser ein Elektroauto. Die Ladeinfrastruktur ist inzwischen gut ausgebaut, die Batterietechnologie wird immer nachhaltiger und in vielen Fällen ist das Elektroauto über den ganzen Lebenszyklus betrachtet günstiger.
Sind autofreie Städte die Lösung aller Verkehrs- und Umweltprobleme?
Eigentlich wäre die Mobilität in Städten bereits heute sehr nachhaltig. Jede Person, die nicht in das Auto steigt, reduziert letzten Endes den Stau für alle anderen. Wäre da nicht das Fliegen: Gerade die Bevölkerung in den Städten fliegt viel öfters als der Rest der Bevölkerung. So geht der ganze Klimavorteil der städtischen Mobilität wieder verloren. Solange beim Fliegen nicht ein Umdenken stattfindet, helfen auch die besten autofreien Orte dem Klima nur begrenzt. Gerade in den Städten braucht es also besonders auch noch eine Fernverkehrswende.
Welche Stadt oder welches Projekt weltweit inspiriert dich besonders, und warum?
Wenn ich eine Stadt auswählen müsste, die mich besonders fasziniert, wäre es wohl Paris. Man kann die Veränderung da fast Woche für Woche beobachten. Einerseits werden zentrale Strassen in sichere Veloachsen umgebaut, andererseits diverse Strassen um Schulen zu angenehmen Fussgängerzonen gestaltet. Aber auch in Barcelona oder London ist die Veränderung deutlich sichtbar. Städte, die mit dieser Bewegung nicht mitgehen, drohen da den Anschluss zu verlieren.
Wenn du die Möglichkeit hättest, eine grosse Veränderung in Zürichs Verkehrsinfrastruktur sofort umzusetzen, welche wäre das?
Das mag vielleicht wenig visionär klingen, ist aber ein einfacher Quick Win: Ich würde alle gelben Velostreifen in richtige, baulich abgetrennte Velowege umbauen. Zürich tut sich immer noch schwer damit, sichere Velowege zu bauen. Wenn sich mehr Menschen sicher fühlen, um Velo zu fahren in der Stadt, dann entlastet das alle anderen Verkehrsmittel. Beim Velo hat die Stadt Zürich noch grosses Potenzial, das sie heute nicht ausschöpft – weniger Farbe zu pinseln und mehr richtig zu bauen wäre dabei ein Anfang, der das Sicherheitsgefühl verbessert!

