Haben Sie schon einmal etwas von Loughborough gehört? Falls nicht: Keine Sorge, damit sind Sie nicht allein. Irgendwo zwischen Birmingham und Manchester gelegen, bietet die Kleinstadt in erster Linie Stoff für die Millionenfrage in einer Quizshow. So ist sie etwa Heimat der grössten Glockengiesserei der Welt und war die Trainingsstätte des britischen Olympiateams von 2012.
Nun soll Loughborough in einer weiteren Nische Weltklasse werden: Die beiden Professoren Tom Jackson und Ian Hodgkinson haben das erste Forschungsteam für digitale Dekarbonisierung gegründet und damit dem Datenmüll den Kampf angesagt. Denn bis zu 88 Prozent der Daten, die in Rechenzentren gelagert werden, könnten gemäss ihren Berechnungen Müll sein und damit der Umwelt unnötig schaden. Sie nennen diese Daten «Dark Data», im Deutschen Schattendaten genannt.
Ungenutzte Daten
Doch was zählt als Dark Data? Deloitte beschreibt das Konzept am Beispiel eines Facebook-Posts. Wer ein Foto auf Facebook hochlädt, teilt zwei Arten von Dark Data: den Beitrag selbst sowie die zugehörigen Metadaten, also wo, wann und von wem das Foto aufgenommen und hochgeladen wurde. Wird das Foto gelikt oder geteilt, speichert Facebook wiederum diese Daten. Dark Data können aber auch fast identische Fotos sein, die in der Cloud gespeichert werden, Tabellen veralteter Projekte oder gespeicherte Sensordaten eines Geräts.
Tom Jackson und Ian Hodgkinson schätzen, dass mehr als die Hälfte aller digitalen Daten nur einmal genutzt wird. «Das Speichern solcher Daten führt zu einem deutlichen Anstieg des digitalen CO2-Fussabdrucks eines Unternehmens», schreiben sie. Ob genutzt oder nicht: Die Daten werden in Rechenzentren gelagert.
Bereits 2023 schätzten die Professoren, dass diese Rechenzentren 2,5 bis 3,7 Prozent des vom Menschen verursachten CO2-Ausstosses verantworten. Zum Vergleich: Die Flugindustrie lag damals bei etwa 2 Prozent.
Mehr CO2 als 3 Millionen Flüge nach New York
Die Professoren verdeutlichen die Dimension des Umwelteinflusses von Dark Data mit einem Beispiel aus ihren Berechnungen: Ein typisches, datengetriebenes Unternehmen wie eine Versicherung, ein Retailer oder eine Bank mit 100 Angestellten verursache pro Tag 2983 Gigabyte Dark Data. Hochgerechnet auf ein Jahr, entspreche das dem CO2-Fussabdruck von sechs Flügen von London nach New York. Berücksichtige man nun sämtliche Unternehmen, würden derzeit täglich 1’300’000’000 Gigabyte Dark Data produziert. Das entspräche 3’023’255 Flügen von London nach New York.
Das Forschungszentrum zur digitalen Dekarbonisierung sagte vor zwei Jahren: «Wollen wir bis 2050 netto null erreichen, können Unternehmen diesen digitalen CO2-Fussabdruck nicht mehr ignorieren.» Dabei reicht der Umwelteinfluss von Dark Data auch über die Emissionen hinaus: Je mehr Daten produziert werden, desto mehr Hardware wird benötigt. Und je mehr Hardware benötigt wird, desto mehr davon muss ersetzt werden. Es fällt mehr Elektroschrott an.
Besseres Datenmanagement gefragt
Was können Unternehmen tun, um weniger Dark Data zu produzieren? Mit dieser Frage beschäftigt sich neben den Wissenschaftlern in Loughborough auch Hanlie Smuts in Südafrika. Dark Data sei «teuer zu managen und einfach zu ignorieren», schreibt die Informatikprofessorin der University of Pretoria. «Wir sprechen dabei von jeder E-Mail, jedem Foto, jedem Video und jeder ungenutzten Tabelle, die auf einem Server gespeichert ist.»
Sie hat 539 Organisationen auf allen Kontinenten zu deren Datenmanagement befragt. Aus deren Antworten hat sie Richtlinien abgeleitet, an denen sich Unternehmen orientieren können. «Klassifizierung ist der erste Schritt, um Ordnung ins Datenchaos zu bringen», schreibt sie und meint damit das systematische Taggen, Kategorisieren und Priorisieren vorhandener und neuer Daten.
Datenhorten? Unerwünscht
Anschliessend gehe es ums Optimieren, also darum, schlankere und sauberere Datenumgebungen zu entwickeln. Sie spricht von digitaler Hygiene und einer Unternehmenskultur, die dem Horten von Daten den Kampf ansagt. «Wenn Mitarbeitende die Umweltkosten unkontrollierter Daten verstehen, werden sie zu verantwortungsvolleren Verwaltenden digitaler Informationen», ist sie überzeugt. So habe zum Beispiel der Autohersteller BMW die digitale Dekarbonisierung fest in seine Produktionsprozesse integriert.
Diesem Ansatz dürften sich auch ihre Professorenkollegen aus England anschliessen. Gemäss Jackson und Hodgkinson gibt es zwei Hauptgründe für das Entstehen von Dark Data: die Angst, etwas zu löschen, das später noch benötigt werden könnte, und eine unsorgfältige Datenpflege oder -verwaltung. Ihr Team hat daher das weltweit erste Tool veröffentlicht, mit dessen Hilfe der CO2-Ausstoss von Datenprojekten geschätzt und optimiert werden kann.
Ein Nebeneffekt, der Unternehmen freuen dürfte: Mit weniger Dark Data sinken nicht nur der CO2-Ausstoss, sondern auch die Stromkosten.