«Umwelt ist als Politikfeld derzeit nicht attraktiv»: Politikprofessorin Karin Ingold. Foto: Dres Hubacher (Universität Bern)
«Umwelt ist als Politikfeld derzeit nicht attraktiv»: Politikprofessorin Karin Ingold. Foto: Dres Hubacher (Universität Bern)
«L’environnement n’est actuellement pas un domaine politique attrayant», constate Karin Ingold, professeure de sciences politiques. Photo: Université de Berne
So könnte die Umweltpolitik aus der Krise kommen
So könnte die Umweltpolitik aus der Krise kommen
Et si la meilleure stratégie était de ne plus parler d’environnement?

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Weniger Parteipolitik, mehr Kompromisse: Politikprofessorin Karin Ingold und Kampagnenprofi David Schärer denken darüber nach, wie es in der Umweltpolitik vorangehen kann.
Weniger Parteipolitik, mehr Kompromisse: Politikprofessorin Karin Ingold und Kampagnenprofi David Schärer denken darüber nach, wie es in der Umweltpolitik vorangehen kann.
Pour faire avancer la protection du climat, mieux vaut éviter le mot «climat». C’est le conseil paradoxal d’une politologue bernoise, qui mise sur la coopération intercantonale plutôt que sur les urnes.
Um die Umweltpolitik ist es ruhig geworden – Kriege, Konflikte, Kosten dominieren die Schlagzeilen. Doch das Thema hat nicht an Dringlichkeit verloren: Aktuell sieht es so aus, als würde die Schweiz das selbst gesetzte Ziel netto null bis 2050 verfehlen. Ohnehin müsste sie dieses Ziel bereits 2035 erreichen, um das 1,5-Grad-Ziel- einzuhalten, wie eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt.
Noch 2019 mobilisierte die Klimajugend weltweit Millionen und die Grünen gingen bei der Klimawahl als grosse Gewinnerinnen aus den Nationalratswahlen hervor. Was hat sich seither verändert? Und wie bringt man wieder Schwung in die Schweizer Umweltpolitik?
«Ich halte seit 15 Jahren eine Vorlesung zur Schweizer Umweltpolitik», sagt Karin Ingold, die an der Universität Bern lehrt. «Dieses Semester habe ich sie komplett umstrukturiert.» Der Grund: Die Politik verliere die Umwelt aus den Augen.
Umweltpolitik? Unattraktiv
«Umwelt ist als Politikfeld derzeit nicht attraktiv», sagt Ingold. David Schärer, Werber des Jahres 2021/22 und federführend bei der Kampagne gegen die Halbierungsinitiative, ergänzt: Die Bevölkerung scheine emotional absorbiert zu sein. «In Europa setzen wir uns nach Dekaden wieder mit Krieg auseinander, die Preise steigen, und die Kaufkraft nimmt ab», sagt der Kampagnenprofi.
Wer umweltpolitisch etwas voranbringen möchte, tut gemäss Ingold gut daran, die Massnahmen nicht als Umweltpolitik zu verkaufen. Hinzu komme, dass Betroffenheit allein keine Politik mehr mache. Die Schweizer Bevölkerung sei zwar immer stärker vom Klimawandel betroffen – durch fehlenden Schnee für den Wintertourismus, durch Wetterextreme wie Hitzewellen und Überschwemmungen –, doch die Forschung zeige, dass selbst direkt Betroffene sich nicht automatisch für umfassende Klimaschutzmassnahmen einsetzten.
Abstimmungen nicht zielführend
Welcher Weg kann aus dieser Krise führen? Ingold erinnert an frühere Zeiten. «Damals gab es noch mehr umweltpolitische Vorstösse von rechten und liberalen Parteien». Durch die Polarisierung und den Rechtsruck der Politik habe sich das verändert. «Alle wollen dem Wald und dem Wasser Sorge tragen», sagt Ingold. «Wenn wir es schaffen, solche Fragen wieder mehr aus der Parteipolitik herauszubringen, würde die Umwelt gewinnen.»
Abstimmungen scheinen dafür wenig zielführend. «Die Gegner umweltpolitischer Abstimmungen sind oft gut organisierte Akteure wie die Industrie oder die Landwirtschaft», so Ingold. Abstimmungen, die laute Kampagnen und Lobbyismus mit sich brächten, seien nicht geeignet, um Umweltthemen wirkungsvoll auf die politische Agenda zu bringen.
Gute Umweltkampagnen sind Mangelware
Auch Schärer argumentiert: Umweltpolitik dürfe nicht als Lagerthema wahrgenommen werden. Sie sollte pragmatische Antworten auf bestehende Sorgen wie Sicherheit, Stabilität und Kostenkontrolle liefern – und nicht auf abstrakte Klimaziele pochen.
«Umweltpolitische Anliegen müssen als Gewinn im Alltag verstanden werden», sagt der Werber. «Sie müssen über reine Appelle wie ‹Wir müssen handeln› hinausgehen.» Verbote oder Schuldgefühle seien weniger sinnvoll, als Handlungsspielräume und Selbstwirksamkeit aufzuzeigen.
Ein gelungenes Beispiel für Schärer? «Beeindruckende Kampagnen habe ich seit der Covid-19-Pandemie keine mehr gesehen», so dessen hartes Urteil. Die «Earth Hour» des WWF, bei der seit 2007 jeweils im März für eine Stunde die Lichter ausgeschaltet würden, gehe dagegen mit gutem Beispiel voran. Sie zeige, dass man selbst etwas machen könne, und sei ein kollektives Erlebnis.
Interkantonale Kooperation nötig
Die Umwelt betrifft alle Lebensbereiche. Dementsprechend schwierig ist es, festzulegen, wer für sie zuständig ist. Bund, Kantone, Raumplanung, Gewässerschutz – alle können einander den Ball zuspielen. «Es wäre sinnvoll, in der Umweltpolitik institutionalisierte Plattformen zwischen den Kantonen und dem Bund zu schaffen, in denen ein Austausch über Best Practices stattfindet», sagt Ingold.
Sie nennt das Beispiel Basel-Stadt. Der Kanton arbeite beim Rheinschutz eng mit den französischen und deutschen Behörden zusammen. «Sie haben ein gemeinsames Monitoringsystem, um etwa die Trinkwasserqualität zu messen und bei Bedarf einzugreifen», sagt Ingold. Das funktioniere international, sagt Ingold. «Vergleichbare Kooperationen könnten auch interkantonal funktionieren.» Denn die Umwelt sei ein Allgemeingut, sie gehöre niemandem.
Um die Umweltpolitik ist es ruhig geworden – Kriege, Konflikte, Kosten dominieren die Schlagzeilen. Doch das Thema hat nicht an Dringlichkeit verloren: Aktuell sieht es so aus, als würde die Schweiz das selbst gesetzte Ziel netto null bis 2050 verfehlen. Ohnehin müsste sie dieses Ziel bereits 2035 erreichen, um das 1,5-Grad-Ziel- einzuhalten, wie eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) zeigt.
Noch 2019 mobilisierte die Klimajugend weltweit Millionen und die Grünen gingen bei der Klimawahl als grosse Gewinnerinnen aus den Nationalratswahlen hervor. Was hat sich seither verändert? Und wie bringt man wieder Schwung in die Schweizer Umweltpolitik?
«Ich halte seit 15 Jahren eine Vorlesung zur Schweizer Umweltpolitik», sagt Karin Ingold, die an der Universität Bern lehrt. «Dieses Semester habe ich sie komplett umstrukturiert.» Der Grund: Die Politik verliere die Umwelt aus den Augen.
Umweltpolitik? Unattraktiv
«Umwelt ist als Politikfeld derzeit nicht attraktiv», sagt Ingold. David Schärer, Werber des Jahres 2021/22 und federführend bei der Kampagne gegen die Halbierungsinitiative, ergänzt: Die Bevölkerung scheine emotional absorbiert zu sein. «In Europa setzen wir uns nach Dekaden wieder mit Krieg auseinander, die Preise steigen, und die Kaufkraft nimmt ab», sagt der Kampagnenprofi.
Wer umweltpolitisch etwas voranbringen möchte, tut gemäss Ingold gut daran, die Massnahmen nicht als Umweltpolitik zu verkaufen. Hinzu komme, dass Betroffenheit allein keine Politik mehr mache. Die Schweizer Bevölkerung sei zwar immer stärker vom Klimawandel betroffen – durch fehlenden Schnee für den Wintertourismus, durch Wetterextreme wie Hitzewellen und Überschwemmungen –, doch die Forschung zeige, dass selbst direkt Betroffene sich nicht automatisch für umfassende Klimaschutzmassnahmen einsetzten.
Abstimmungen nicht zielführend
Welcher Weg kann aus dieser Krise führen? Ingold erinnert an frühere Zeiten. «Damals gab es noch mehr umweltpolitische Vorstösse von rechten und liberalen Parteien». Durch die Polarisierung und den Rechtsruck der Politik habe sich das verändert. «Alle wollen dem Wald und dem Wasser Sorge tragen», sagt Ingold. «Wenn wir es schaffen, solche Fragen wieder mehr aus der Parteipolitik herauszubringen, würde die Umwelt gewinnen.»
Abstimmungen scheinen dafür wenig zielführend. «Die Gegner umweltpolitischer Abstimmungen sind oft gut organisierte Akteure wie die Industrie oder die Landwirtschaft», so Ingold. Abstimmungen, die laute Kampagnen und Lobbyismus mit sich brächten, seien nicht geeignet, um Umweltthemen wirkungsvoll auf die politische Agenda zu bringen.
Gute Umweltkampagnen sind Mangelware
Auch Schärer argumentiert: Umweltpolitik dürfe nicht als Lagerthema wahrgenommen werden. Sie sollte pragmatische Antworten auf bestehende Sorgen wie Sicherheit, Stabilität und Kostenkontrolle liefern – und nicht auf abstrakte Klimaziele pochen.
«Umweltpolitische Anliegen müssen als Gewinn im Alltag verstanden werden», sagt der Werber. «Sie müssen über reine Appelle wie ‹Wir müssen handeln› hinausgehen.» Verbote oder Schuldgefühle seien weniger sinnvoll, als Handlungsspielräume und Selbstwirksamkeit aufzuzeigen.
Ein gelungenes Beispiel für Schärer? «Beeindruckende Kampagnen habe ich seit der Covid-19-Pandemie keine mehr gesehen», so dessen hartes Urteil. Die «Earth Hour» des WWF, bei der seit 2007 jeweils im März für eine Stunde die Lichter ausgeschaltet würden, gehe dagegen mit gutem Beispiel voran. Sie zeige, dass man selbst etwas machen könne, und sei ein kollektives Erlebnis.
Interkantonale Kooperation nötig
Die Umwelt betrifft alle Lebensbereiche. Dementsprechend schwierig ist es, festzulegen, wer für sie zuständig ist. Bund, Kantone, Raumplanung, Gewässerschutz – alle können einander den Ball zuspielen. «Es wäre sinnvoll, in der Umweltpolitik institutionalisierte Plattformen zwischen den Kantonen und dem Bund zu schaffen, in denen ein Austausch über Best Practices stattfindet», sagt Ingold.
Sie nennt das Beispiel Basel-Stadt. Der Kanton arbeite beim Rheinschutz eng mit den französischen und deutschen Behörden zusammen. «Sie haben ein gemeinsames Monitoringsystem, um etwa die Trinkwasserqualität zu messen und bei Bedarf einzugreifen», sagt Ingold. Das funktioniere international, sagt Ingold. «Vergleichbare Kooperationen könnten auch interkantonal funktionieren.» Denn die Umwelt sei ein Allgemeingut, sie gehöre niemandem.
La politique environnementale a perdu de sa visibilité médiatique – guerres, conflits et coûts dominent désormais les gros titres. L’urgence reste pourtant intacte: la Suisse risque de manquer son objectif zéro net d’ici à 2050. Selon la Haute École zurichoise des sciences appliquées (ZHAW), elle devrait même l’atteindre dès 2035 pour respecter la limite de 1,5 degré.
En 2019, la situation était bien différente. Des jeunes mobilisaient des millions de personnes dans le monde entier, les Verts triomphaient aux élections nationales portées par la vague climatique. Que s’est-il passé depuis? Et comment redonner de l’élan à la politique environnementale suisse?
«Cela fait quinze ans que je donne un cours sur la politique environnementale suisse», explique Karin Ingold, qui enseigne à l’Université de Berne. «Ce semestre, je l’ai complètement restructuré.» La raison? La politique perdrait de vue l’environnement.
La politique environnementale? «Peu attrayante»
«L’environnement n’est actuellement pas un domaine politique attrayant», constate Karin Ingold. Et David Schärer, publicitaire de l’année 2021/2022 et responsable de la compagne contre l’initiative SSR, d’ajouter: «La population semble être absorbée émotionnellement.» En Europe, après des décennies de paix, la guerre frappe à nouveau, les prix augmentent et le pouvoir d’achat diminue, explique le professionnel des campagnes.
Selon Karin Ingold, quiconque souhaite faire progresser la politique environnementale aurait intérêt à ne pas la présenter comme telle. Par ailleurs, être directement touché ne suffit plus à susciter l’engagement politique. La population suisse subirait certes de plus en plus les effets du changement climatique – manque de neige pour le tourisme hivernal, phénomènes météorologiques extrêmes tels que canicules et inondations –, mais la recherche démontre que même les personnes directement affectées ne s’engagent pas automatiquement en faveur de mesures globales de protection du climat.
Des votes qui ne mènent à rien en Suisse
Quelle voie peut donc mener à la sortie de cette crise? Karin Ingold se souvient d’une époque où «il y avait encore plus d’interventions en matière de politique environnementale de la part des partis de droite et des libéraux». La polarisation et le virage à droite de la politique auraient changé la donne. «Tout le monde veut prendre soin de la forêt et de l’eau», poursuit-elle. «Si nous parvenons à sortir davantage ces questions de la politique partisane, l’environnement y gagnerait.»
Les votations ne semblent pas être le bon outil pour y parvenir. «Les opposants aux votations sur la politique environnementale sont souvent des acteurs bien organisés comme l’industrie ou l’agriculture», explique Karin Ingold. Or les votations qui donnent lieu à des campagnes bruyantes et du lobbying intense ne permettent pas de faire avancer efficacement les thèmes environnementaux dans l’agenda politique, précise-t-elle.
Les bonnes campagnes environnementales sont rares
David Schärer soutient également que la politique environnementale ne doit pas être perçue comme une affaire de camp. Elle devrait apporter des réponses pragmatiques à des préoccupations concrètes telles que la sécurité, la stabilité et le contrôle des coûts – plutôt que d’insister sur des objectifs climatiques abstraits.
«Les préoccupations environnementales doivent être perçues comme un gain au quotidien», note le publicitaire. «Elles doivent aller au-delà de simples appels tels que «Nous devons agir.» Selon lui, les interdictions ou les sentiments de culpabilité sont moins efficaces que de montrer les marges de manœuvre et le pouvoir d’action de chacun.
Un bon exemple? «Je n’ai plus vu de campagnes impressionnantes depuis la pandémie», déplore David Schärer. En revanche, la campagne Earth Hour du WWF montre la voie: depuis 2007, elle invite chacun à éteindre les lumières pendant une heure en mars. Un geste simple qui crée une expérience collective.
Coopération intercantonale nécessaire
L’environnement touche à tous les domaines de la vie, ce qui complique la définition des responsabilités. Confédération, cantons, aménagement du territoire, protection des eaux: chacun peut renvoyer la balle à l’autre. «Il serait judicieux de créer des plateformes institutionnalisées entre les cantons et la Confédération dans le domaine de la politique environnementale, au sein desquelles un échange sur les meilleures pratiques aurait lieu», souhaite Karin Ingold.
Elle cite l’exemple de Bâle-Ville. Le Canton travaille en étroite collaboration avec les autorités françaises et allemandes pour la protection du Rhin. «Ils ont mis en place un système de surveillance commun pour mesurer la qualité de l’eau potable et intervenir si nécessaire», explique Karin Ingold. Et d’ajouter: «Cela fonctionne au niveau international. Des coopérations similaires pourraient également fonctionner au niveau intercantonal.» Selon elle, l’environnement est un bien commun, il n’appartient à personne.