«Das ist einzigartig in der Schweiz», sagt Nicolas Guillod über das Land, das ihn umgibt. Der 35-Jährige steht auf einem Feld unweit des Neuenburgersees, wo er ein Auge auf die Artenvielfalt wirft – und ein anderes auf die Gefangenen. Denn der Biologe arbeitet nicht nur auf einem Bauernhof, sondern auch in einem Gefängnis: der JVA Witzwil.
Der grösste Bauernhof der Schweiz ist ein Gefängnis
Einst war die Berner Justizvollzugsanstalt Witzwil das Schweizer Pioniergefängnis. Heute gilt sie als der grösste Bauernhof des Landes mit rund 700 Hektaren Land – über 30 Mal mehr als der Schweizer Durchschnittsbauernhof.
Die Haftanstalt gilt als grösster der fast 50’000 Schweizer Bauernhöfe. Während ein durchschnittlicher Hof rund 21 Hektaren bewirtschaftet, pflanzt die JVA auf rund 700 Hektaren Raps und Reis an, hält ein paar Hundert Freilandschweine und Rinder und bietet Fohlen ein Zuhause. Bis zu 166 erwachsene Männer verbüssen hier ihre Gefängnisstrafen. Die meisten davon sitzen wegen Verstössen gegen das Betäubungsmittelgesetz ein, aber auch wegen Vergehen gegen die Strassenverkehrsregeln oder Leib und Leben – oder auch mal alles davon zusammen.
Gefängnisarbeit als Therapie
Die Kombination von Haft und Landwirtschaft geht auf das 19. Jahrhundert zurück. Der damalige JVA-Direktor Otto Kellerhals war überzeugt: Die Bauernarbeit tut den Gefangenen physisch und psychisch gut. Wegen seines Ansatzes, die Inhaftierten nicht in erster Linie als Kriminelle, sondern als Menschen zu sehen, wurde er später zu einer Kernfigur in der Reformation der Schweizer Gefängnisse. Noch heute behalten Teile seiner Philosophie ihre Gültigkeit: 2013 bestätigte das Bundesgericht den therapeutischen Effekt von Gefängnisarbeit.
Der Biologe Guillod hält ein laminiertes Papier in der Hand. Auf diesem zu sehen, sind ein Bild eines Vogels und eine Statistik: Der Kiebitz mit seinen bunten Federn war in der Schweiz fast ausgestorben. Doch nun wächst seine Population wieder. Dafür verantwortlich sind auch Menschen wie Guillod und die JVA Witzwil. «Als kantonaler Betrieb wollen wir Musterschüler sein», sagt der Leiter Ökologie. Gesetzlich wäre die Haftanstalt verpflichtet, sieben Prozent Biodiversitätsfläche zu haben. Der Anteil der JVA Witzwil liegt nach Eigenangaben mehr als doppelt so hoch: 15 Prozent. Rund 100 Hektaren. Oder: 140 Fussballfelder.
Balance fördert Biodiversität
«Es ist ein Irrglaube, dass man die Natur in der Schweiz sich selbst überlassen kann», sagt Guillod weiter. Da es kaum mehr Waldbrände und Überschwemmungen gebe, müsse der Mensch gezielt eingreifen. Nur so könne die Balance erhalten bleiben. Würde beispielsweise ein Unkraut wuchern, würde es heimischen Arten das Leben schwer machen. Insekten würden keinen Lebensraum finden, was wiederum den Vögeln die Nahrung nimmt. «Die Biodiversität steht und fällt auch mit den Kleinlebewesen», fasst Guillod zusammen. Unterstützung erhält er von lokalen Umweltorganisationen.
Auch die Gefangenen von Witzwil kümmern sich um die Biodiversität – ob sie wollen oder nicht. Jeden Wochentag um 7.40 Uhr stehen einige von ihnen auf den Feldern, bevor es nach einer Mittagspause um 17 Uhr wieder zurück in den geschlossenen Bereich geht. Lebten sie dort früher noch hinter Metalltüren in Einzelzellen, sind sie heute in WGs untergebracht. Doch auch in diesen heisst es um Punkt 21.30 Uhr: Lichterlöschen, es wird zugesperrt. Bis jeweils um sechs Uhr morgens ihr nächster Tag beginnt. Mit den Insassen der JVA Witzwil konnte 20 Minuten nicht sprechen.
Der Kiebitz ist zurück
Guillod hebt den Blick in die Luft. «Ein Kiebitz», kommentiert der Leiter Ökologie den vorbeifliegenden Vogel. Das Feld vor ihm wurde bewusst so gesät, dass die bedrohte Art in der spärlichen Vegetation einen geeigneten Brut- und Aufzuchtort findet. Obwohl es aktuell noch nicht so weit ist: Der Biologe ist sich sicher, dass der seltene Vogel bald auch auf den Feldern der JVA Witzwil brüten wird.