20 Minuten: Die Passagierzahlen zeigen wieder nach oben. Dennoch möchte die Swiss bis 2050 einen CO₂-Ausstoss von Netto-Null erreichen. Wieso eigentlich, wenn es wirtschaftlich sowieso gut läuft?
Swiss Nachhaltigkeitsteam: Ja, der Flugverkehr nimmt wieder zu – das zeigt, wie wichtig Mobilität für unsere Gesellschaft ist. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass wir als Branche eine Verantwortung tragen, unsere Umweltwirkung deutlich zu reduzieren. Wir haben uns auf den Weg gemacht, befinden uns aber noch am Anfang der Reise in Richtung eines nachhaltigeren Luftverkehrs und des Ziels Netto-Null-CO₂-Emissionen bis 2050.
Wo setzen Sie dabei an?
Ein zentraler Hebel ist die Flottenmodernisierung: Neue Flugzeugtypen wie der A320neo oder A350 verbrauchen deutlich weniger Treibstoff als ältere Modelle. Ergänzend optimieren wir laufend unsere Prozesse im täglichen Flugbetrieb – etwa durch effizientere Anflugverfahren, digitale Tools und weitere operative Massnahmen zur Treibstoffreduktion. Der Schlüssel zur Dekarbonisierung der Luftfahrt liegt aber in der Nutzung von nachhaltigen Flugtreibstoffen, sogenannten Sustainable Aviation Fuels oder SAF. Neben dem Einsatz von SAF ist auch die Entfernung verbleibender CO₂-Emissionen aus der Atmosphäre ein unverzichtbarer Bestandteil für die Dekarbonisierung der ganzen Branche.
Sie arbeiten auch mit Cleantech-Unternehmen zusammen.
Genau. Durch gezielte Partnerschaften mit Technologiepionieren wie Synhelion fördern wir die Skalierung und Markteinführung von neuen Technologien. Da sich viele dieser Technologien zur Dekarbonisierung noch in der Entwicklungs- oder frühen Skalierungsphase befinden, ist ihre Unterstützung bereits heute von grosser Bedeutung. Neben Synhelion leisten wir auch als erste Airline-Partnerin der ETH-Spin-offs Climeworks und neustark einen aktiven Beitrag zur Unterstützung von Schweizer Innovation und Schlüsseltechnologien für die Transformation der Luftfahrt.
Sie sagen es: Die Entwicklung alternativer Treibstoffe ist der wichtigste Hebel, braucht aber Zeit. Wo stehen wir in dieser Entwicklung?
Für 2025 wird erwartet, dass die weltweite Produktionskapazität von SAF lediglich rund 0,7 Prozent des gesamten Treibstoffbedarfs abdeckt, während synthetische Treibstoffe noch nicht kommerziell produziert werden. Hinzu kommt die Kostenproblematik: Biogene SAF sind aktuell drei- bis fünfmal teurer als fossiles Kerosin, synthetische Varianten sogar bis zu zehnmal. Für Fluggesellschaften ist das wirtschaftlich nicht tragbar. Deshalb braucht es dringend internationale Fördermechanismen und die Beiträge unserer Kundinnen und Kunden, um die Marktentwicklung zu unterstützen.
Wer heute ein Swiss-Ticket bucht, kann sich für ein «Economy Green»-Ticket entscheiden – ein Ticket unter vielen. Wird die grüne Option in 20 Jahren der Standard sein?
Unsere Angebote für nachhaltigeres Fliegen entwickeln wir kontinuierlich weiter und orientieren uns dabei an den Bedürfnissen unserer Kunden und Kundinnen. Bereits heute beobachten wir eine steigende Nachfrage nach Produkten wie «Economy Green». Mit solchen Angeboten erhalten unsere Kundinnen und Kunden die Möglichkeit, aktiv zur Transformation der Luftfahrt beizutragen.
Wie viele Kunden entscheiden sich aktuell für dieses Ticket?
Aktuell wählen rund 5 Prozent der Passagiere der Lufthansa Group eines unserer Angebote für nachhaltigeres Reisen. Wir wollen Kundinnen und Kunden gezielt einen Anreiz bieten, sich aktiv für die nachhaltigere Option zu entscheiden. Deshalb umfasst der Tarif neben dem Beitrag zu SAF auch zusätzliche Vorteile wie mehr Meilen und eine kostenlose Umbuchung.
Können Sie das ausführen: Was geschieht genau mit der Klimaprämie, die der Ticketpreis für «Economy Green» beinhaltet?
Die Beiträge fliessen komplett in den Kauf von SAF und in hochwertige Klimaschutzprojekte. Beim Green-Tarif werden 10 bzw. 20 Prozent der individuellen flugbedingten CO₂-Emissionen durch den Einkauf und Einsatz von SAF reduziert. Diese verursachen im Vergleich zu fossilen Treibstoffen mindestens 80 Prozent weniger CO₂-Emissionen. Der verbleibende Anteil wird in Klimaschutzprojekte investiert, die es ermöglichen, CO₂-Emissionen an anderer Stelle auszugleichen.
Generell steht die Wirksamkeit solcher Klimaschutzprojekte immer wieder in der Kritik. Wie stellt die Swiss sicher, dass die Projekte halten, was sie versprechen?
Jeder Beitrag unserer Kunden fliesst in hochwertige Klimaschutzprojekte. Gemeinsam mit verschiedenen Anbietern unterstützt Swiss gemeinsam mit der Lufthansa Group sorgfältig ausgewählte Projekte weltweit. Alle davon erfüllen die höchsten verfügbaren Qualitätsstandards wie den Gold Standard oder Plan Vivo. Zudem investieren wir zunehmend in Technologien, die CO₂ aktiv aus der Atmosphäre entfernen. So stellen wir sicher, dass unsere Investitionen in Klimaschutzprojekte langfristig Wirkung entfalten.
Sprechen wir über den Preis. Diese Green-Tickets sind schon jetzt teurer als manche anderen Economy-Tickets. Wird das Fliegen durch alternative Treibstoffe teurer?
Der Preis für SAF liegt aktuell rund drei- bis fünfmal höher als jener für fossiles Kerosin, und Treibstoffe der nächsten Generation können sogar bis zu zehnmal teurer sein. Zusätzlich sehen wir aufgrund von regulatorischen Umweltauflagen massiv steigende Kosten. Anfang Januar 2025 haben deshalb die Fluggesellschaften der Lufthansa Group den sogenannten Umweltkostenzuschlag eingeführt, um einen Teil dieser zusätzlichen Umweltkosten abzudecken.
Wird das Fliegen also teurer und vermehrt zu einem Luxusgut?
Einen konkreten Ausblick auf die Entwicklung unserer verschiedenen Angebote über den genannten Zeithorizont können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht geben. Klar ist: Die Transformation der Luftfahrt erfordert erhebliche Investitionen, die Airlines allein nicht stemmen können.
Aktuell kosten nachhaltigere Treibstoffe bis zu zehnmal mehr als fossiles Kerosin. Das lässt doch vermuten, dass auch die Ticketpreise steigen werden.
Der aktuell deutlich höhere Preis von SAF im Vergleich zu fossilem Kerosin stellt eine zentrale Herausforderung für dessen breite Anwendung dar. Genau deshalb ist es entscheidend, bereits heute gezielt in verschiedene Technologien zu investieren und die Skalierung von SAF aktiv voranzutreiben. Nur so können künftig die benötigten Mengen zu wettbewerbsfähigen Preisen bereitgestellt werden. Die Menschen haben ein grundlegendes Bedürfnis nach Mobilität und unser Ziel ist es, einen Beitrag zu einem nachhaltigeren Luftverkehr zu leisten.
Die Swiss hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 Netto-Null bei den CO₂-Emissionen zu erreichen. Eine Studie des Paul Scherrer Instituts PSI und der ETH Zürich kam zum Ergebnis, dass das Ersetzen von Kerosin durch künstlich hergestellten Treibstoff nicht ausreicht, um den Flugverkehr bis 2050 klimaneutral zu gestalten. Das Passagieraufkommen müsse auf 80 Prozent des heutigen Niveaus reduziert werden.
Mobilität ist für viele Menschen und Unternehmen unverzichtbar, ermöglicht weltweiten Austausch und Handel. Eine Welt ohne Luftverkehr ist heute nicht mehr denkbar. Unser Ziel ist es daher, das Fliegen nachhaltiger zu gestalten und durch die Förderung von Schlüsseltechnologien einen Beitrag zur Transformation der Branche zu leisten.
Was heisst das konkret?
Die Transformation hin zu einem nachhaltigeren Luftverkehr braucht verschiedene Hebel, allen voran den breiten Einsatz nachhaltiger Flugtreibstoffe. Nachhaltige Treibstoffe können heute bereits die CO₂-Emissionen um mindestens 80 Prozent reduzieren. Perspektivisch wird die Herstellung von nahezu CO₂-neutralen Treibstoffen möglich sein. Dennoch: Selbst bei einer Nutzung von 100 Prozent SAF wird der Luftverkehr zur Erreichung von Netto-Null weiterhin auf Investitionen in hochwertige Klimaschutzprojekte – ob natürliche oder technologische CO₂-Entfernung – angewiesen sein. Diese Projekte unterstützen wir tatkräftig.
