Flexitarismus boomt: Immer mehr Schweizer Haushalte verzichten bewusst auf Fleisch oder reduzieren ihren Konsum deutlich. Von 2022 bis 2024 ist ihr Anteil um fast 50 Prozent gestiegen – das zeigt eine im Jahr 2025 veröffentlichte Studie der Universität St. Gallen. Als Flexitarier gilt, wer pro Woche weniger als 300 Gramm Fleisch und 200 Gramm Fisch isst.
Mit dem wachsenden Trend zum Flexitarismus steigt auch der Konsum von Fleischersatzprodukten. «Mehr als ein Viertel essen regelmässig vegane Ersatzprodukte», schreibt Coop in seinem aktuellen Plant Based Food Report.
Trotz des Booms bleiben viele Menschen skeptisch. Einer der häufigsten Kritikpunkte lautet gemäss einer ETH-Studie: Fleischersatzprodukte seien unnatürlich und ungesund.
Doch wie berechtigt ist diese Kritik? Hier findest du Antworten aus der Wissenschaft.
Nährwerte: Was steckt in Fleischersatzprodukten?
«Insgesamt haben Fleischersatzprodukte auf pflanzlicher Basis ein besseres Nährwertprofil als rotes Fleisch – und sie werden stetig weiterentwickelt», sagt Harvard-Professor und Ernährungswissenschaftler Frank Hu. Laut der «New York Times» enthalten Fleischersatzprodukte mehr Ballaststoffe, ähnlich viel Eiweiss und weniger gesättigte Fettsäuren als Fleisch. Ein klarer Nachteil sei allerdings der oft deutlich höhere Natriumgehalt.
Ernährungswissenschaftler David Fäh von der Berner Fachhochschule ergänzt gegenüber dem Beobachter, dass pflanzliches Eiweiss nicht gleichwertig mit tierischem sei: «Es ist viel schlechter verfügbar und verdaulich als zum Beispiel bei einer Pouletbrust», sagt er. Das könne besonders für ältere Personen, die mit Muskelabbau zu kämpfen haben, zum Problem werden.
Was sagen Studien zur gesundheitlichen Wirkung?
Die Studienlage ist gemischt. Eine Untersuchung der Universität Stanford aus dem Jahr 2020 kam zu positiven Ergebnissen: Probanden, die zwei Monate lang Fleisch durch Ersatzprodukte ersetzten, hatten danach niedrigere Cholesterinwerte, ein geringeres Körpergewicht und ein reduziertes Risiko für Herzkrankheiten.
Kritik gab es an der Finanzierung: Die Studie wurde von Beyond Meat, einem Produzenten von Fleischersatzprodukten, mitfinanziert. Laut den Forschenden hatte das Unternehmen jedoch erst bei der Publikation Einsicht in die Ergebnisse. Harvard-Professor Hu betont, die Studie der Konkurrenzuniversität sei gut konzipiert und sorgfältig durchgeführt worden.
Eine ähnlich aufgebaute Studie aus Singapur kam 2024 hingegen zu einem anderen Schluss: Der Konsum pflanzlicher Ersatzprodukte zeigte keinen nennenswerten Einfluss auf die Gesundheit der Teilnehmer. Langzeitstudien gibt es bislang nicht.
Hochverarbeitet – und damit ungesund?
Ein häufig genannter Kritikpunkt ist der hohe Verarbeitungsgrad vieler Fleischersatzprodukte. Samuel Dicken vom University College London relativiert jedoch: Es sei unklar, ob alle hochverarbeiteten Lebensmittel per se gesundheitsschädlich seien. Die grösseren Risiken sieht er weniger bei pflanzlichen Alternativen, sondern bei zuckerhaltigen Getränken und verarbeitetem Fleisch.
Worauf beim Einkauf zu achten ist
Annina Pauli vom Ernährungszentrum Zürich rät beim Einkauf zu Produkten mit weniger als 10 Gramm Fett pro 100 Gramm. Zudem sollte der Anteil an zugesetztem Zucker möglichst gering, der Proteingehalt hingegen möglichst hoch sein.
Trotz widersprüchlicher Studienlage gibt es einen gemeinsamen Nenner: Am besten für die Gesundheit ist es, anstelle von Fleisch und Fleischersatzprodukten auf pflanzliche Eiweissquellen wie Bohnen, Linsen oder Tofu zu setzen.
