Elena Strozzi, der Bund hat kürzlich den aktuellen Waldbericht veröffentlicht. Darin geht es um den Zustand der Schweizer Wälder. Beginnen wir mit einer grundsätzlichen Frage: Welche Bedeutung hat der Wald in der Schweiz?
Etwa ein Drittel der Fläche der Schweiz besteht aus Wald – das ist sehr viel. Der Wald hat eine grosse Bedeutung für die Artenvielfalt in der Schweiz und wir wissen, dass der Zustand der Biodiversität im Wald im Vergleich zu anderen natürlichen Lebensräumen wie Moore oder Gewässer noch relativ gut ist. Das heisst jedoch nicht, dass es keine Defizite gibt.
Und für die Menschen in der Schweiz?
Der Wald hat eine grosse Bedeutung für eine gute Beziehung zur Natur. Eine Beziehung, die auch sehr emotional sein kann. Das Schöne am Wald ist: Er ist offen für alle.
Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Punkte in diesem aktuellen Waldbericht?
Der Waldbericht ist eine gute Grundlage für die Analyse des Zustands des Schweizer Waldes und sehr nützlich für künftige politische Forderungen. Der Bericht versammelt viel Wissen, fast hundert Menschen haben an diesem Bericht mitgearbeitet. Der für Pro Natura wichtigste Punkt ist mit Sicherheit der Zustand der Biodiversität und natürlich auch die Auswirkungen des Klimawandels. Obwohl der Lebensraum Wald eine vergleichsweise gute Artenvielfalt aufweist, ist sie nach wie vor fragil und steht unter Druck.
Wie steht es denn um die Biodiversität der Schweizer Wälder?
Wenn man die Pressemitteilung des Bundes liest, könnte man den Eindruck bekommen, dass es nicht schlecht steht um die Biodiversität in den Wäldern. Liest man den Bericht jedoch genau, dann läuten bei mir auch gewisse Alarmglocken. Die Biodiversität bezeichnet die Vielfalt des Lebens auf drei Ebenen: jene der Arten, die genetische Vielfalt und die Vielfalt der Lebensräume. Auf Ebene der Arten sind über 30 Prozent der Tier- und Pflanzenarten im Wald bedroht. Bei den Insekten sind es sogar 50 Prozent. Das sind leider sehr hohe Zahlen und sie bedeuten, dass wir mit dem Wald sehr sorgfältig umgehen müssen.
Wie kann das aussehen?
Ein grosser Teil der Schweizer Wälder befindet sich in den Bergen, was diese Wälder auch ein Stück weit schützt. Dann gibt es die Wälder im Mittelland, welche stark unter Druck stehen: einerseits durch die Holzproduktion, andererseits durch Verbauung. Zum Glück haben wir in der Schweiz ein sehr gutes Waldgesetz, das besagt, dass die Waldfläche insgesamt erhalten werden muss. Jedoch muss man auch hier aufpassen: Man spricht dabei von Mittelwerten. Wenn der Wald in den Alpen zunimmt, ist das super, aber wenn er gleichzeitig im Mittelland abnimmt, dann ist das im Gesamtdurchschnitt zwar nicht ersichtlich, aber trotzdem besorgniserregend. Ein diesbezüglich wichtiger Punkt ist zudem die Vernetzung der Wälder, damit Tiere und mit ihnen auch Pflanzensamen hin- und herwandern und sich genetisch austauschen können.
Im Bericht steht auch, dass das Totholzvolumen zugenommen hat. Warum ist Totholz wichtig für die Wälder?
Es ist glücklicherweise fast überall angekommen, dass Totholz für den Wald als Lebensraum eine wichtige Rolle spielt. Viele Organismen und kleine Lebewesen ernähren sich von Totholz, was dem Boden zugutekommt, was wiederum gut für die Wasserfilterung ist und so weiter. Für manche Menschen ist es noch etwas gewöhnungsbedürftig, wenn in den Wäldern Holz herumliegt, aber für die Artenvielfalt im Wald ist das eine wirklich positive Entwicklung.
Dass das Totholz zugenommen hat, ist also erfreulich?
Beim Totholz haben wir dasselbe Problem mit den Durchschnittswerten: Im Schnitt nimmt das Totholzvolumen zu, jedoch gibt es sehr grosse regionale Unterschiede. Es gibt auch Orte, wo das Volumen abnimmt.
Natürlich wird im Bericht auch der Klimawandel thematisiert.
Pro Natura hat hier eine klare Position: In Bezug auf den Druck des Klimawandels auf die Wälder müssen wir zunächst versuchen, die Treibhausgasemissionen durch einen ressourcenschonenden Lebensstil zu begrenzen, um den Klimawandel einzudämmen. Das ist das Beste, das wir für den Wald tun können. Auf der anderen Seite setzen wir uns auch dafür ein, den Wald auf natürliche Weise zu verjüngen, damit er resistenter wird gegenüber den klimatischen Veränderungen und Naturkatastrophen. Konkret heisst das beispielsweise, dass man es dem Wald überlässt, wo Jungbäume wachsen, anstatt sie anzupflanzen.
Zum Schluss noch eine Frage für all jene, die die Schweizer Wälder schätzen. Was können sie persönlich tun, um sich für den Wald einzusetzen?
Wer den Wald regelmässig besucht und seine nachweislich positiven Effekte auf Körper und Psyche geniesst, weiss ihn auch zu schätzen und zu schützen. Mit Freiwilligenarbeit oder finanzieller Unterstützung für Waldschutzprojekte, wie die «Aktion Specht & Co» von Pro Natura, kann man den Schutz der Schweizer Wälder stärken. Zudem ist Holz heutzutage ein beliebter Rohstoff. Beim Kauf von Holzprodukten ist es daher wichtig, darauf zu achten, dass das Holz nicht importiert wurde und aus verantwortungsvoller Bewirtschaftung kommt.
