Vor fünf Jahren ging eine Berner Rede viral: Der damalige ghanaische Präsident Nana Akufo-Addo kündigte an, die Kakaoexporte seines Landes deutlich reduzieren zu wollen. Ghana ist der wichtigste Kakaolieferant für Schweizer Schokoladenhersteller wie Lindt & Sprüngli. Was würde das für die Schweizer Schokolade bedeuten?
Diese Rede hat auch der investigative Videojournalist Philippe Stalder gesehen. Der ehemalige SRF-Journalist wurde hellhörig und machte sich auf nach Ghana, um herauszufinden, welche Geschichte hinter der Schokolade in den Regalen von Coop und Migros steckt. Vier Reisen und über 30 Interviews später feiert sein erster Feature-Dokumentarfilm «Reclaiming Cocoa» in Zürich Europapremiere.
Schweizer Kirchen in Ghana
«Zu Beginn der Dreharbeiten interessierte mich vor allem die Wertschöpfung», erzählt Stalder. «Ich habe aber schnell gemerkt, dass meine Geschichte enger mit der Geschichte des Kakaos in Ghana verknüpft ist, als ich dachte». In einem der ersten Interviews habe ihm ein Kakaobauer erzählt, dass es Missionare aus Basel waren, die vor rund 150 Jahren nicht nur die Bibel, sondern auch die Kakaopflanze nach Ghana gebracht hätten.
Heute ist das Christentum die grösste Religion im westafrikanischen Land und Ghana einer der wichtigsten Kakaoproduzenten der Welt. «Eine der grössten Kirchen des Landes trägt das Schweizer Wappen im Logo», sagt Stalder. «Aber weder in Ghana noch in der Schweiz wissen die Leute wirklich, dass die Geschichte der beiden Länder so eng miteinander verbunden ist.»
Herausforderungen bei Kakaoproduktion
Was Stalder während der Dreharbeiten erfuhr, liess aber auch Zweifel an der Verbindung aufkommen. «Wir haben uns auch gefragt, unter welchen Bedingungen der Kakao für die Schweizer Schokolade angebaut wird», sagt er. Der Film erwähnt, dass von einem Franken, der in der Schweiz für eine Schokolade ausgegeben wird, nur drei bis sechs Rappen bei den Bauern ankommen. Die Supermärkte in der Schweiz würden etwa 35 Rappen erhalten. «Viele der Bauern leben in Armut», sagt Stalder. «Oft können die Kinder während der Kakaosaison nicht zur Schule gehen, sondern müssen auf den Plantagen arbeiten.»
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Das sei zum Teil auch bei jenen Bauern der Fall, deren Bohnen in fairer und zertifizierter Schokolade landen. Das bestätigten Stalder und seinem Team nicht nur verschiedene Interviewpartner, sondern auch eine Recherche mit versteckter Kamera: Ein nicht zertifizierter Bauer verkaufte seine Bohnen problemlos als zertifizierten Kakao. «Das Versprechen der Schokoladenfirmen, dass beim Kauf einer Label-Schokolade die Bauern immer fair bezahlt werden, stimmt leider nicht», so der Filmemacher.
Abenteuerlicher Dreh
Aufregend war für Stalder nicht nur diese Undercover-Recherche, sondern die Dreharbeiten in Westafrika generell. «Ein Dreh dort funktioniert anders als in der Schweiz», erzählt er. «Man macht nicht einfach per E-Mail einen Termin aus, fährt zum Dreh und kommt danach wieder zurück.» Der Prozess sei voller Herausforderungen und Abenteuer.
Einmal, erzählte Stalder, sei das Mietauto auf dem Weg zu einem Dreh nicht mehr angesprungen: Der Besitzer hatte die kaputte Batterie zuvor mit einem externen Ladegerät aufgeladen. «Wir standen an einer Tankstelle mitten in der Pampa, weit und breit kein Überbrückungskabel», erinnert sich Stalder. Nach rund dreistündiger Suche habe schliesslich ein Tanklastwagen angehalten, der für den illegalen Goldabbau eingesetzt wird. «Wir durften dessen Batterie ausbauen und konnten sie mit zwei Schraubenziehern überbrücken.» Der Motor sprang wieder an, und die Fahrt ging mit einer mehrstündigen Verspätung weiter.
Übersäuerte Böden
Stalder besuchte entlegene Dörfer ohne Radioempfang oder Fahrräder. Dort erfuhr er, dass die heutige Kakaoproduktion nicht nur Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation der Bauern hat, sondern auch auf die Umwelt. «Die Böden in Ghana sind sehr fruchtbar», erklärt er. «Es wächst viel Unkraut, bei hohen Produktionsmengen wird daher gespritzt und gedüngt.» Viele Kakaoböden seien übersäuert. Das führe dazu, dass die Ernte von Jahr zu Jahr sinke – obwohl die ghanaische Regierung mehr produzieren will.
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Hinzu kommen die Auswirkungen des Klimawandels. Kakao kommt ursprünglich aus Südamerika. Die Pflanzen in Westafrika sind daher sehr empfindlich. Steigende Temperaturen und längere Trockenperioden bringen die Bäume an ihre Grenzen. «Der Kakaosektor in Ghana steht vor grossen Problemen», so Stalder. Wenn wir in 50 Jahren noch Schokolade essen wollen, müsse sich dringend etwas ändern, so der Filmemacher.
Felchlin zeigt vor, wie es geht
Es sei ihm wichtig gewesen, nicht schwarz-weiss zu malen: «Ich will nicht nur mit dem Finger auf die Grosskonzerne zeigen», so Stalder. «Schlussendlich haben alle, die in der Lieferkette nach den Bauern kommen, eine Verantwortung.» Was also kann getan werden? «Reclaiming Cocoa» zeigt auch auf, wie die Kakaoproduktion nachhaltiger und lokaler gestaltet werden kann.
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Ein Ansatz ist, nicht nur die Kakaobohne zu verwerten, sondern auch das Fruchtfleisch, die sogenannte Pulpe. Aus diesem wird Kakaosaft gewonnen, der geschmacklich an eine Mischung aus Litschi, Ananas und Zitrusfrüchten erinnert. «Indem der Bauer nicht nur die Bohne verkauft, kann er sein Einkommen erhöhen», sagt Stalder.
Eine andere Möglichkeit ist die direkte Zusammenarbeit zwischen Schokoladenproduzenten und Kakaobauern. Die Schweizer Firma Felchlin hat etwa einen direkten Liefervertrag mit einem Bauern, der in Bio-Qualität produziert und dafür einen Bio-Zuschlag erhält. Durch die direkte Zusammenarbeit gibt es weniger Mittelsmänner. Es kommt mehr Geld beim Bauern an und die Einhaltung der Kriterien für die Bio-Produktion kann besser sichergestellt werden.
«Reclaiming Cocoa» (2025) von Philippe Stalder feiert seine Europapremiere am Freitag, 11. April, um 20 Uhr im Zürcher Kino Frame.
