Neujahrsvorsätze sind umstritten, aber Tatsache ist: So ein Jahresbeginn eignet sich schon hervorragend als Startpunkt, um sich neue Ziele im Leben zu stecken. Für all jene, die sich für das neue Jahr vorgenommen haben, nachhaltigere Entscheidungen zu treffen: Gioanna Michel, Projektleiterin für Bildung bei Myclimate, erklärt im Interview, wie die nachhaltigen Vorsätze nicht bloss gute Vorsätze bleiben.
Gioanna Michel, nehmen wir an, ich habe mich noch nie mit Nachhaltigkeit in meinem Leben beschäftigt, aber langsam habe ich das Gefühl, etwas tun zu wollen. Wo fange ich an?
Zuerst einmal: Super, wenn der Wille da ist! Das Schöne ist, dass es zahlreiche Möglichkeiten gibt. Man muss sich für den Anfang auch nicht zu viel vornehmen. Ein guter erster Schritt wäre, den eigenen Fussabdruck zu berechnen (siehe Link am Ende des Artikels). Es lohnt sich sehr, da einmal hinzuschauen und herauszufinden, wo im eigenen Leben Potenzial für Veränderung liegt.
Weshalb macht das Sinn?
Viele Menschen tendieren eher dazu, gewisse Massnahmen zu überschätzen und andere zu unterschätzen.
Können Sie mir ein Beispiel nennen?
Papier zu recyceln und Plastik zu reduzieren ist natürlich super. Aber sich vermehrt pflanzlich zu ernähren oder mal mit dem Zug statt mit dem Flugzeug zu verreisen, hat einen viel grösseren Impact. Zu wissen, welche Bereiche im Leben welchen Impact haben, ist schon ein super Anfang, um zu entscheiden, womit man starten möchte.
Das mit dem Fliegen und der pflanzlichen Ernährung hört man ja oft. Was wären denn Massnahmen, an die man vielleicht nicht sofort denkt?
Zum Beispiel im Bereich Finanzen. Viele wissen nicht, dass mit ihrem Geld auf ihrem Konto, ihren Aktien oder ihrer 3. Säule grosse Klimaschäden verursacht werden. Hier können wir als Konsumentinnen und Konsumenten Zeichen setzen und bedeutend Einfluss nehmen. Es braucht zwar ein wenig Aufwand, sich zu informieren und die Bank zu wechseln. Aber das Gute daran ist: Man muss es nur einmal machen.
Sagen wir, ich habe wirklich nur sehr wenig Kapazität, möchte aber trotzdem etwas machen für die Nachhaltigkeit. Was kann ich dann tun?
Oft ist es wichtig, einfach mal zu beginnen. Wer Erfolgserlebnisse hat, ist motiviert, weiterzumachen. Energie-Einsparungen sind etwas, das alle tun können: Etwas weniger lange oder weniger heiss duschen, zum Beispiel. Oder die Heizung um ein Grad zu reduzieren. So kann man sogar Geld und CO₂ einsparen. Dieses Geld könnte man zum Beispiel in klimapolitische Anliegen investieren. Damit hätte man selbst dann wieder eine grössere Wirkung. Klimaschutz wird oft mit Verzicht in Verbindung gebracht, dabei sind viele Dinge, die man tun kann, einfach umzusetzen – und teilweise sogar aus finanzieller Sicht ein Gewinn.
Was raten Sie denjenigen, die über mehr Kapazität verfügen und sich als Neujahrsvorsatz für den Klimaschutz engagieren wollen?
Es ist wichtig zu verstehen: Die strukturellen Bedingungen erschweren uns allen das nachhaltige Verhalten. Zum Beispiel, wenn Fliegen günstiger ist als Zugfahren. Hier sprechen wir vom sogenannten Handabdruck: Dabei geht es darum, dass man versucht, einen positiven Einfluss auf das Klima zu erzielen, indem man gesellschaftliche Strukturen verändert. Wenn man es also anderen Menschen erleichtert, sich einfacher oder günstiger klimafreundlich zu verhalten.
Wie kann das aussehen?
Konkret kann das zum Beispiel heissen: Als Schüler oder Arbeitnehmerin setze ich mich dafür ein, dass in der Schule oder am Arbeitsplatz mehr pflanzenbasierte Menüs angeboten werden.
Was kann ich tun, damit mein Vorsatz nicht schon im März wieder in Vergessenheit geraten ist?
Oft sind Vorsätze zu unspezifisch, unrealistisch oder unterminiert. Man sagt vielleicht: Ich will weniger Fast Fashion kaufen. Damit hat man allerdings noch nicht gesagt, wie man mit seinen alten Gewohnheiten umgehen will. Der Social-Media-Feed ist zum Beispiel noch eingerichtet auf verschwenderischen Umgang. Dadurch fällt man schnell wieder in alte Muster zurück und vergisst die Vorsätze unter Umständen.
Man muss die Ziele also konkret definieren?
Genau. Zum Beispiel: Ich kaufe keine neuen Kleider, sondern organisiere viermal pro Jahr einen Kleidertausch mit meinen Freundinnen. So motiviere ich auch mein Umfeld und verpflichte mich entsprechend stärker, indem ich die Termine bereits ankündige und mein soziales Umfeld integriere.
Sie beschäftigen sich auch intensiv mit Umweltpsychologie. Haben Sie aus diesem Bereich noch einen Tipp für den Alltag?
Das Konzept der Tiny Habits eignet sich super, wenn man sein Verhalten ändern will. Zuerst definiert man ein grosses Ziel. Zum Beispiel: Ich will nur noch einmal pro Woche Fleisch essen. Dann geht es um den Aufhänger, zum Beispiel die Situation, wenn ich vor dem Fleischregal stehe. Nun ist es wichtig, einen kleinen Schritt zu definieren, der zum grossen Ziel führt.
Also zum Beispiel: Wenn ich vor dem Fleischregal stehe, erinnere ich mich an mein Ziel und gehe zur Abteilung für pflanzliche Alternativen. Und dann belohne ich mich direkt für diesen kleinen Schritt. Dahinter steckt, dass wir wahnsinnig viele Entscheidungen in unserem Alltag unbewusst treffen – und es braucht Zeit, um sie zu ändern. Also nicht frustriert sein, wenn nicht alles gelingt, und sich eben auch nicht zu viel vornehmen. Nachhaltigkeit ist nicht der Standard, da kann man schnell wieder in alte Muster fallen. Aber mit anderen darüber sprechen und vor allem auch Erfolge zu feiern, hilft!
