Der Einsatz für den Schutz einer intakten Gebirgswelt gehört zu den Aufgabengebieten des SAC. Warum ist dies so wichtig?
Philippe Wäger: Die Berge sind ein perfekter Ort für uns Menschen, um einen Bezug zur Natur aufzubauen. Im Sinne von «Was man kennt, das möchte man auch schützen», bringen wir den Bergsporttreibenden mit ganz vielen Ansätzen die Umwelt näher.
Zum Beispiel?
Mit den Projektwochen Alpen-Lernen, wo Kinder während einer Woche ihr Schulzimmer in eine SAC-Hütte verlegen. Seit 2021 unterstützen wir ausserdem die Initiative «Bergsteigerdörfer», bei der es um die In-Wert-Setzung intakter Landschaften geht, die sich dem naturnahen Tourismus verschrieben haben.
Der Mensch versteht die Alpen vor allem als Erholungsraum für sich selbst. Wo liegen die Grenzen des Verhältnisses Mensch-Alpen? Und haben wir diese schon überschritten?
Im Gegensatz zu den Städten und dem Mittelland sind Natur und Landschaft der Alpen noch intakt. Es gibt einige Orte, wo der Tourismus so intensiv ist, dass die Berge banalisiert werden. Aber wer sich in den Bergen aus eigener Kraft bewegt, merkt, wie klein und schwach sie oder er im Vergleich ist. Ich bin über genau diese Erfahrung zum Natur- und Umweltschützer geworden.
Wir fokussieren uns bei #WirsindZukunft auf visionäre Nachhaltigkeitsprojekte. Welche machen Ihnen Hoffnung?
Sicher die oben erwähnten sowie das «Bergwaldprojekt» oder «Procap», die Menschen mit Behinderungen die Alpen näherbringen.
Der SAC sorgt mit seinen Hütten dafür, dass man auch entlegene Gebiete erreichen kann. Was sind für Sie die Grundregeln für einen nachhaltigen Umgang mit der Bergwelt?
Grundsätzlich: Demütig unterwegs sein, keine Spuren zurücklassen, nicht überheblich werden – und trotzdem Spass und Freude haben. Ausserdem: Als Besucher auch zur Wertschöpfung in den Bergen beitragen und lokale Produkte kaufen. Ach ja: Und keine Geheimtipps auf den sozialen Medien verbreiten.
Man konnte lesen, dass ein Drittel der SAC-Hütten durch den Klimawandel ganz direkt betroffen sind. Lohnt sich der Erhalt? Muss man da nicht ständig den Heli bemühen?
Der Betrieb unserer Hütten ist unsere Kernaufgabe und elementar für unsere Identifikation. Aus unserer Sicht lohnt sich der Erhalt, ausser ein Standort macht aufgrund der Naturgefahrensituation überhaupt keinen Sinn mehr. Hütten ohne Heli betreiben ist tatsächlich nicht einfach. Im Gegensatz zum Strassenverkehr kann man bei uns aber sagen, dass alles voll optimiert ist, denn die Versorgung mit Heli kostet viel. Da wird keine unnötige Flugminute gebucht.
Was tun Sie, um deren Betrieb weiterhin aufrechtzuerhalten?
Wir müssen unsere Hütten an das veränderte Klima und die sich ändernde Landschaft anpassen. Da ist zum Beispiel die Wasserversorgung eine grosse Herausforderung. Einerseits setzen wir auf Trockentoiletten, um den Wasserverbrauch zu reduzieren, andererseits müssen wir aber auch grössere Speichermöglichkeiten wie Tanks vorsehen, die das Wasser dann, wenn es kommt, auffangen und speichern können.
Wenn man sich die Entwicklung durch den Klimawandel ansieht, kann einem angst und bange werden. Wie sieht man das beim SAC?
In der Schweiz dürften wir im Vergleich zu anderen Weltregionen auch in Zukunft noch relativ gut dastehen, auch wenn Starkniederschläge und Dürreperioden zunehmen und die Temperaturen steigen werden. Heisst: Die Destination Alpen bleibt attraktiv. Nur werden die Berge in Zukunft deutlich weniger weiss sein, Instabilitäten nehmen zu und das Abflussregime der Flüsse wird sich stark verändern.
Sind wir Schweizerinnen und Schweizer eigentlich tatsächlich so vorbildlich, wie wir glauben in Sachen Nachhaltigkeit?
Vielleicht, wenn es um die Recycling-Quote geht. Aber wir leben, was unseren Fussabdruck geht, weit über unseren Verhältnissen. Wir gehören höchstens zum Mittelmass der entwickelten Länder.
Outdoor ist heute ein Lifestyle. Ein Lifestyle, zu dem Unmengen von Produkten gehören. Ist der heutige Alpinismus vor allem eine Materialschlacht?
Alpinismus war schon immer eine Materialschlacht. Früher musste man einfach noch mehr improvisieren. In puncto Material hat sich da schon sehr, sehr viel getan. Zur Nachhaltigkeit beim Bergsport gehört, dass man langlebige Produkte kauft, ihnen Sorge trägt, sie repariert.
Vielleicht sollten wir alle nacktwandern?
(lacht) Eigentlich hab ich schon gerne zumindest eine Jacke und eine Hose dabei. Das mit dem Nacktwandern ist wohl eher ein sehr kleines Phänomen, das alle paar Jahre mal wieder irgendwo in den Medien oder in irgendwelchen Wanderblogs auftaucht. Beim SAC ist das jedenfalls kein Thema.
Der SAC betreibt 152 Hütten. Welches ist die meistunterschätzte?
Spontan fallen mir da die tiefstgelegenen SAC-Hütten ein: die Treschhütte und die Enderlinhütte.
Und welche Skitour muss man gemacht haben?
Was ich immer genial finde: Skitouren von zu Hause aus. Ich wohne auf etwa 700 Metern zwischen Bern und Schwarzenburg und kann darum immer mal wieder losziehen und kleine Abfahrten aneinanderhängen. Letzten Winter sind so bei einer Tour mal über 1000 Höhenmeter zusammengekommen.
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