2025 wurden in der Schweiz gemäss dem Bundesamt für Gesundheit rund 211 Millionen Liter Wein getrunken. Trotz eines rückläufigen Gesamtweinkonsums verzeichnete der Konsum von Schweizer Wein 2025 eine Zunahme und belief sich auf gut 79 Millionen Liter.
Kurze Transportwege wirken sich positiv auf die Umwelt- und Klimabilanz von Schweizer Wein aus. Doch Regionalität allein macht einen Wein noch nicht nachhaltig. Im Interview erklärt Roland Lenz, diplomierter Winzermeister und Gründer des Thurgauer Bioweinguts Lenz, was zur Nachhaltigkeitsbewertung von Wein gehört.
Herr Lenz, wie beeinflusst der Klimawandel die Weinproduktion in der Schweiz?
Vor allem Extremwetterereignisse und die anhaltende Hitze haben Einfluss auf die Weinproduktion. Es kommt immer häufiger zu Starkwetterereignissen, und insbesondere Hagel kann innerhalb kürzester Zeit einen Grossteil der Ernte zerstören. Unsere seitlichen Hagelschutznetze haben die Trauben bisher jedoch vor grösseren Schäden bewahrt. Die steigenden Temperaturen führen tendenziell zu einem höheren Zucker- und Alkoholgehalt der Weine. Das ist für uns problematisch, da wir Weine mit einem moderaten Alkoholgehalt produzieren möchten. Zudem ist Hitze eine Belastung für die Arbeitskräfte. Während der Weinlese müssen wir immer stärker darauf achten, die kühlsten Stunden des Tages für die Arbeit zu nutzen.
Was hat Sie dazu bewogen, Biowein herzustellen?
Der Hauptgrund war für mich die Gesundheit. Als ich 1994 ein Jahr lang konventionell arbeitete, reagierte ich allergisch auf die eingesetzten Pestizide. Die Situation war geradezu absurd: Ein Pestizid eines Tochterunternehmens von Bayer verursachte bei mir Kopfschmerzen, die ich anschliessend mit einer Tablette von Bayer behandelte. Aufgrund dieser Erfahrung stellten wir in den darauffolgenden Jahren schrittweise auf biologischen Weinbau um und arbeiten nun seit 30 Jahren als zertifiziertes Bioweingut.
Was heisst nachhaltige Weinproduktion für Sie?
Für mich bedeutet Nachhaltigkeit, der Natur mehr zurückzugeben, als wir ihr entnehmen. Deshalb betreiben wir regenerative Landwirtschaft: Wir fördern die Vielfalt im gesamten Ökosystem, bauen Humus auf und binden so CO₂ im Boden. Nach unseren Berechnungen speichert der Boden hier pro Hektare zwei bis drei Tonnen CO₂.
Wie zeigt sich diese Vielfalt in den Rebbergen?
Unsere Biodiversitätsstreifen bieten Insekten, Vögeln, Säugetieren und Reptilien wertvolle Lebensräume. Dies kommt dem ganzen System – zu dem auch wir Menschen gehören – zugute. Fledermäuse helfen uns beispielsweise, potenzielle Schädlinge in Schach zu halten, während ein gesunder Boden uns gesunde Früchte gibt. Für mich strahlen solche vielfältigen Flächen Energie aus, während Monokulturen der Natur Energie entziehen. Die Biodiversitätsstreifen dienen zudem als Puffer gegen die Pestizide benachbarter Betriebe.
Worauf sollten umweltbewusste Konsumentinnen und Konsumenten beim Weinkauf achten?
Ein wichtiger und oft vergessener Punkt ist die Flasche. Ihre Herstellung und ihr Transport verursachen nämlich einen erheblichen Teil der CO₂-Emissionen eines Weins. Schwere Flaschen bieten geschmacklich keinen Vorteil, sind aber ressourcenintensiver in der Herstellung und im Transport. In der Regel reicht ein Flaschengewicht von maximal 450 Gramm aus. Eine gute Wahl sind zudem Weine aus pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, sogenannten Piwis. Diese benötigen deutlich weniger Pflanzenschutzmittel und ermöglichen dadurch einen um- respektive mitweltschonenderen Anbau. Auch anerkannte Biolabels bieten eine wichtige Orientierung. Bei Naturweinen lohnt sich hingegen ein genauer Blick auf die Produktionsweise, da der Begriff allein noch wenig darüber aussagt, wie nachhaltig die Trauben angebaut wurden.
Welche Rolle spielen für Sie die immer beliebter werdenden Naturweine?
Naturwein ist kein einheitlich definierter Begriff. Ein Naturwein wird deshalb nicht automatisch aus biologisch angebauten Trauben hergestellt – auch wenn viele Käuferinnen und Käufer dies glauben. Den Naturweinansatz finde ich dennoch spannend, weil im Keller möglichst wenig eingegriffen wird. Wir produzieren jedes Jahr einen naturbelassenen Biowein aus weissen Trauben, den wir als Orange Wine verkaufen.