Vögel tragen zur Stabilität und Gesundheit von Lebensräumen bei. Blaumeisen, Kohlmeisen und Rauchschwalben beispielsweise verzehren im Frühling und Sommer viele Raupen, Mücken und Blattläuse, wovon die Landwirtschaft profitiert. Amseln und andere Drosselarten fressen Beeren und Holunder und verbreiten die Samen mit ihrem Kot über weite Strecken. Dadurch tragen sie zur Verjüngung von Wäldern und Heckenlandschaften bei, auch in höher gelegenen Regionen der Alpen.
Doch derzeit sind zahlreiche Vogelarten bedroht – so auch in der Schweiz. Wir haben mit Carine Hürbin, Mediensprecherin der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach LU, über die Bedrohungslage von Schweizer Vogelarten gesprochen und nachgefragt, wie Privatpersonen zum Vogelschutz beitragen können.
Welche Vogelarten sind derzeit in der Schweiz bedroht?
Carine Hürbin: Hierzulande sind 40 Prozent der Brutvögel gefährdet, weswegen die Aufzählung leider ziemlich lang ist. Dies liegt vor allem daran, dass unter anderem mit Feuchtgebieten und Kulturlandschaften ihre natürlichen Lebensräume zerstört oder verkleinert werden. Beispiele der in der Schweiz bedrohten Vögel sind der Wiedehopf, die Feldlerche und der Kiebitz.
Inwiefern macht der Klimawandel Vögeln zu schaffen?
Der Klimawandel setzt vielen in der Schweiz heimischen Vogelarten zu. Dies macht sich nicht nur durch Extremwetter oder Lebensraumveränderungen bemerkbar, sondern auch durch zeitliche Veränderungen im Jahreslauf der Natur. Der Frühling beginnt immer früher, was bedeutet, dass Insektenlarven wie Schmetterlingsraupen ihre Entwicklung früher im Jahr abschliessen. Insekten und ihre Larven bilden jedoch für viele Singvögel und deren Junge eine entscheidende Nahrungsquelle während der Brutzeit. Zugvögel wie der Trauerschnäpper überwintern im Süden und kehren erst im späten Frühling in ihre Brutgebiete in der Schweiz zurück. Wenn sie hier ankommen, ist die Hochsaison der Schmetterlingsraupen oft schon vorbei.
Wie setzt sich die Vogelwarte für den Vogelschutz ein?
Wir werten Lebensräume von bedrohten Vogelarten auf, so etwa im Wauwiler Moos im Kanton Luzern, das für den stark gefährdeten Kiebitz von zentraler Bedeutung ist. Um bedrohte Vogelarten bestmöglich unterstützen zu können, forschen wir laufend. Ausserdem leisten wir Informationsarbeit für die Öffentlichkeit und klären auf, wie Unternehmen, Partner und Privathaushalte zum Erhalt gefährdeter Arten beitragen können.
Kann ich als Privatperson also auch zum Schutz einheimischer Vogelarten beitragen?
Auf jeden Fall! Dazu sollte man sich in der Natur immer respektvoll verhalten, markierte Wege nicht verlassen und Vögeln nicht zu nahe kommen – auch dann nicht, wenn man sie beobachten möchte. Im und ums Haus lassen sich oftmals ohne grossen Aufwand Gefahren für Vögel entschärfen, indem man Schächte, Kamine, Regenrinnen oder Lüftungsrohre abdeckt und grosse Fensterflächen für Vögel sichtbar macht, zum Beispiel mit Folien-Markierungen.
Welche Bedeutung haben Gärten oder Balkone für den Erhalt von Vogelarten in der Schweiz?
Sie leisten einen Beitrag zur Aufwertung von Siedlungsgebieten und können Trittsteine für Vögel, Insekten und viele weitere Lebewesen bilden. Dies gelingt mit Ast- und Steinhaufen, Hecken, kleinen Tümpeln und einheimischen Pflanzen, die idealerweise übers Jahr verteilt blühen. Wenn Insekten sich in einem Garten oder Balkon wohl fühlen und dort möglichst lange Nahrung vorfinden, zieht dies wiederum Vögel an, die sich von den Insekten ernähren. Vogelfütterung empfehlen wir vor allem im Winter bei Dauerfrost oder geschlossener Schneedecke. Mit der Winterfütterung unterstützt man aber vor allem häufig vorkommende Vogelarten wie Hausspatzen oder Kohlmeisen und weniger die bedrohten Arten. Für diese braucht es mehr Insekten und vor allem passende Lebensräume. Wer im Garten oder auf dem Balkon eine Futterstation für Vögel hat, sollte diese so platzieren, dass die Vögel stets die Übersicht haben und vor Gefahren fliehen können.
Apropos Gefahren: Wie können Hunde- oder Katzenbesitzerinnen und -besitzer sicherstellen, dass ihre Haustiere der Vogelwelt möglichst nicht schaden?
Bereits ein Spaziergang mit dem Hund kann dazu führen, dass Vögel weniger Platz zum Nisten haben. Die einfachste Lösung, um brütende Vögel nicht zu stören: Hunde an der Leine führen. Viele Katzen kann man daran gewöhnen, ein Halsband mit einer farbigen Halskrause zu tragen, damit Vögel den Vierbeiner beim Heranpirschen sehen und flüchten können. Wer eine Futterstation oder einen Nistkasten im Garten hat, kann diese mit Manschetten schützen. Auch einheimische Dornensträucher wie Schwarzdorn oder Hundsrose bieten den Vögeln Schutz vor Beutegreifern.
Was sind häufige Irrtümer oder Mythen rund um den Schutz von Vögeln?
Viele Leute denken, in der Schweiz sei mit der Biodiversität alles in Ordnung. Dies stimmt aber nicht und viele Vogelarten sind rückläufig oder vom Aussterben bedroht. Zahlreiche Lebensräume wie Wiesen sind in der Schweiz ausgeräumt und bieten Insekten und Vögeln nicht mehr viel Nahrung und Unterschlupf, obwohl sie «grün» aussehen. Auch Gewässer sind vielerorts kanalisiert und verbaut, sodass natürliche Ufer, die vielen Lebewesen als Lebensraum dienen, selten geworden sind.
Ein weiterer Mythos, dem ich nicht selten begegne, ist der, dass Vögel genauso wie Säugetiere von den Eltern verstossen werden können, nachdem sie von Menschen angefasst wurden. Bei Singvögeln spielt der Geruch allerdings eine weniger wichtige Rolle als bei Säugetieren. Wer noch nicht flugfähige, befiederte Jungvögel mitten auf einer Strasse oder sonst einem für sie gefährlichen Ort findet, kann sie darum vorsichtig mit den Händen in Sicherheit bringen. Dennoch sind Singvögel Wildtiere und sollten so wenig wie möglich angefasst werden.
Wie erkenne ich, ob ein Vogel in Not ist, und was kann ich in einem solchen Fall tun?
Wenn ein befiederter, hüpfender junger Vogel scheinbar verlassen ist, sollte man diesen nur aus der unmittelbaren Gefahr entfernen und in der Nähe in einem Gebüsch platzieren. Bei vielen Singvogelarten wie Amseln ist es normal, dass die Jungvögel das Nest verlassen, bevor sie richtig fliegen können. Ihre Eltern betreuen und füttern sie aber weiterhin. Vogeleltern gelingt die Aufzucht deutlich besser als uns Menschen. Bei nackten, kaum befiederten Jungvögeln oder verletzten Vögeln sollte man Pflegestationen anrufen und deren Anweisungen befolgen. Für grosse und wehrhafte Vögel wie Bussarde kann man auch die Polizei, Feuerwehr oder den Wildhüter rufen, damit die Tiere sicher transportiert werden können.
