Es ist ein idyllischer Morgen im bernischen Riedtwil: Vogelgezwitscher, Sonnenschein, Geräusche vom Landwirtschaftsbetrieb nebenan. Drechslerin Ramona Hess tritt aus ihrer Wohnung, es sind bloss ein paar Schritte bis ins Nebengebäude, eine alte Industriehalle. Sie steigt eine steile Treppe hoch und öffnet die Tür zu ihrer Werkstatt. Holzstücke in allen Formen, Berge von Spänen, in den hereinfallenden Sonnenstrahlen tanzt der Holzstaub.
Ramona Hess, Sie sind Drechslerin. Man könnte sagen: eine nachhaltige Drechslerin. Denn Sie arbeiten mit Restholz. Aber zunächst einmal eine Frage, für all jene, die sich unter dem Begriff nichts mehr vorstellen können: Was macht eine Drechslerin genau?
Wir Drechsler und Drechslerinnen verarbeiten Holz und machen daraus runde Dinge: Möbel, Tischbeine, Treppengeländer, Kunsthandwerk, Pfeffermühlen. Ich mache zum Beispiel viele Schalen – oder Löffel. Die Drechslerei ist ein altes Kunsthandwerk, aber heute gibt es in der Schweiz nicht mehr so viele professionelle Drechslereien.
Müssen Sie oft erklären, woraus Ihr Beruf besteht?
Das Drechseln ist vielen nicht mehr bekannt. Ich muss oft erklären, dass es ein Beruf, ein Kunsthandwerk ist. Ich weiss nicht, woran es liegt, dass es in Vergessenheit geraten ist. Ein Mitgrund ist sicher, dass die Leute sich nicht mehr so stark damit auseinandersetzen, wo und wie Produkte entstehen. Darum ist es auch schwierig, den Wert des Kunsthandwerks aufzuzeigen, weil man viele Dinge heute günstiger kaufen kann. Aber ich habe auch das Gefühl, dass es einen Wandel gibt und viele Menschen wieder vermehrt wissen wollen, woher die Sachen kommen, die sie kaufen.
Sie haben nach der Matur die Lehre als Drechslerin gemacht. Warum?
Ich wollte etwas Handwerkliches machen und bin mehr oder weniger per Zufall zum Drechseln gekommen. Später habe ich dann noch erfahren, dass mein Grossvater neben seiner Arbeit als Bauer auch gedrechselt hat – so konnte ich mich an seiner alten Drehbank ausprobieren.
Und danach sind Sie trotzdem noch studieren gegangen.
Ich merkte: Die Lehre zu machen ist das eine, aber einen Job als Drechslerin zu finden, ist fast noch schwieriger. Nach ein paar Jahren entschied ich mich, Product Design zu studieren. Dort habe ich angefangen, mich vermehrt mit Nachhaltigkeit zu beschäftigen und mit Restholz zu arbeiten.
Woher kommt das Restholz, mit dem Sie arbeiten?
Von holzverarbeitenden Betrieben. Etwa von Schreinereien, die hohe Ansprüche an das Holz haben. Das ist ähnlich wie bei den Rüebli im Supermarkt: Ist es zu kurz, krumm oder hat nicht die richtige Farbe, wird es ausgemustert. Und dann gibt es viele Abschnitte, die von der Länge für nichts mehr passen. Aus all diesen Holzstücken kann ich aber noch etwas machen.
Was passiert denn mit dem Restholz, wenn es nicht weiterverarbeitet wird?
Es wird verbrannt. Damit wird häufig geheizt, aber manchmal geht es auch in die Verbrennungsanlage.
Hat Ihnen das Studium eine neue Sichtweise auf Ihren Beruf gegeben?
Ich habe damals eine Zeitlang nicht gedrechselt, weil mich die Nachhaltigkeit meiner Arbeit beschäftigt hat. Ich dachte, ich produziere ja nichts anderes als Späne – und alles, was ich machen könnte, gibt es doch bereits. Als ich dann das Restholz entdeckte und erkannte, dass ich dem Holz ein längeres Leben schenken kann, kam ich aus meinem kreativen Loch heraus. Seither habe ich wieder Freude am Gestalten und Produzieren.
Würden Sie sagen, Holz ist immer nachhaltig?
Holz ist momentan im Trend, als Material, aber auch als Energielieferant – Holzheizungen werden wieder gefördert. Wir brauchen zwingend mehr Holz, weltweit schrumpft aber der Holzbestand. In der Schweiz wächst zwar der Wald, aber insgesamt verbrauchen wir viel mehr, als wir produzieren können. Das heisst, wir müssen es importieren und das ist deshalb nicht sehr nachhaltig. Im Studium haben wir gelernt: Das Material ist abhängig vom Produkt und nicht umgekehrt. Es macht also nicht immer Sinn, alles aus Holz herzustellen.
Bei Ihnen ist es aber umgekehrt: Sie passen Ihre Produkte dem Material an.
Das ist so: Ich habe ein Stück Holz und frage mich, was ich daraus machen kann. Das finde ich spannend. Und es bringt mich auf neue Ideen.
Auch in Sachen Nachhaltigkeit?
Momentan ist es in vielen Bereichen gefragt, grünere Alternativen zu finden. Ich denke mir oft: Besser wäre eigentlich, weniger zu konsumieren. In Sachen Nachhaltigkeit heisst der beste Schritt also: Weniger ist mehr.
